Freitag, 7. Oktober 2016

ADHS und ungesättigte Fettsäuren – Spekulationen?

ADHS und ungesättigte Fettsäuren – Spekulationen?


Zufällig bin ich auf eine Publikation gestoßen (News) von natura foundation:
<„neue Nachrichten Sonntag 25 September 2016

Supplementierung von EPA und DHA wirksam bei ADHS“>



Welch vielversprechende Überschrift!

Es heißt darin:
<“UMC: Besserung bei Aufmerksamkeitsstörungen
Das Medizinische Zentrum der Universität Utrecht hat im Jahr 2015 eine Studie zu Aufmerksamkeitsproblemen durchgeführt. An der Untersuchung nahmen 40 Jungen (im Alter von 8-14 Jahren) mit ADHS teil. Eine Hälfte erhielt täglich Margarine mit 650 mg EPA und DHA mg DHA, die andere Hälfte eine Placebomargarine.“>



Die Zahl von 40 Jungen ist für eine so generelle Aussage zu klein. Wieviel von dieser Margarine (damit Mengen an EPA und DHA) hat jeder Junge regelmäßig eingenommen?



Weiter:
<“Beide Gruppen zeigten zu Beginn der Forschung höhere Werte bei Aufmerksamkeitsstörungen, Regelbruchverhalten und Aggressivität als die Kontrollgruppe.>



Wer ist denn diese Kontrollgruppe? Hat die auch diese Margarine gegessen? Kam es da auch zur Senkung der Werte? Auch schon niedrigere Werte müssten doch sinken, wenn die Margarine mit den ungesättigten Fettsäuren tatsächlich Wirkung auf diese Störungen haben könnte?



Und weiter:
<“Nach der Intervention litt die ADHS-Gruppe, die angereicherte Margarine erhalten hatte, zu 15,4 % weniger an Aufmerksamkeitsstörungen, während diese sich bei der Placebo-Gruppe sogar um 17,9 % erhöht hatten.“>
Was war der Placebomargarine zugesetzt worden, damit diese vom Geschmack, Geruch und Aussehen der Verummargarine entspricht? Die Verschlechterung durch das Placebo – sollte neutral sein – spricht dafür, dass es doch wirksame (verschlechternde) Inhaltsstoffe gehabt haben könnte! Gerade bei ADHS-lern gibt es die Vermutung (der hier verlinkte Beitrag spricht ja auch davon) das Zusätze in der Nahrung verschlimmernd wirken könnten!
Zitat:<“ Eine bekannte Substanz, die die Symptome von ADHS verstärkt, ist E104 (Chinolingelb). Auch andere in der Nahrung enthaltene allergene Stoffe können die Symptomatik verstärken.“>



Was war der Placebomargarine zugesetzt, um diese der Verummargarine anzupassen?



Und die Kontrollgruppe, hatte die auch diese Placebomargarine bekommen und irgendwelche Verschlechterungen gezeigt?



Weiter heißt es:
<“In dieser Studie wurden keine signifikanten Verbesserungen in den Bereichen von Regelbruchverhalten oder Aggression gefunden.“>



Die Symptome, die gerade die soziale Umgebung dieser ADHS-ler belasten, zeigten keine Besserung? Wie waren die in der Kontrollgruppe?



Diese Studie konnte ich nicht nachprüfen.



Aber es wird dann behauptet:
<“In anderen Studien wurden solche Verbesserungen jedoch durchaus beobachtet.“>



Und dann wird eine benannt:
<“In der gut konzipierten Studie der University of Pennsylvania (USA) wurden 200 Kinder zwischen 8 und 16 Jahren in eine Behandlungsgruppe und eine Kontrollgruppe aufgeteilt. Das eingenommene Supplement bestand einerseits aus einem Fruchtgetränk mit 1 Gramm Omega-3 und andererseits dem gleichen Getränk ohne Omega-3.“>



Die Studie

wurde nicht in Pennsylvania (USA) durchgeführt, sondern auf der Insel Mauritius an Menschen Indischer und Creolischer Ethnie, mit kulturellem Hintergrund (für psychische Symptome vielleicht wichtig) moslemischen, hinduistischen (zusammen etwa 2/3 der Probanden) und katholischem Glaubens. Die Studie schränkt auch deswegen die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Gebiete der Erde ein.

Sie bezog sich auch nicht auf das Krankheitsbild ADHS! Vielmehr lag eine umfassender Studie über psychische Auffälligkeiten, Psychosen usw. zu Grunde.
[Über die Studien in Mauritius: „Cohort Profile: The Mauritius Child Health Project“

Hier wurde ein wässrige Lösung (Fruchtsaftgetränk) benutzt um die fettigen Testsubstanzen zu verabreichen. Dem Text der Studie ist zu entnehmen, dass dem Basisfruchtsaft beim Placebo wieder Stoffe zugefügt wurden, damit dieser in Geschmack, Geruch und Aussehen dem Verum-Fruchtsaft gleicht. Die Stoffe werden jedoch nicht genannt!

Als Ergebnisse der Studie wird im verlinkten Beitrag genannt:
<“In den von den Eltern gegebenen Berichten zeigten sich signifikante Verhaltensverbesserungen bei den Kindern. Weiterhin waren die Ergebnisse ausgeprägter, je länger die Anwendung von Omega-3 andauerte. Die von den Kindern selbst abgegebenen Berichte ließen auf Verbesserungen im proaktiven und reaktiven Aggressionsverhalten schließen.“>

Nein, es lässt sich nicht wirklich auf etwas betreffend ADHS schließen. Der Text der Studie hat als Anhang Tabellen mit Daten. Man sollte annehmen, dass eine zufällige Auswahl der Kinder für die beiden Gruppen in etwa gleiche Ausgangswerte zu Studienbeginn zeigen sollte. Tatsächlich aber zeigen die Daten des verwendeten „Reactive-Proactive Aggression Questionaire“ (RPQ), dass die Placebogruppe bessere (jeweils etwa die Hälfte) Ausgangswerte als die Verumgruppe hatte. Eine solch divergierende Ausgangslage stellt Fragen an die Gruppenauswahl. Da die Vergleichswerte nach 6 und 12 Monaten bei der Placebogruppe keine wirkliche Verbesserung oder Verschlechterung zeigten und nur die schon anfangs deutlich höheren Werte der Verum Gruppe scheinbar signifikant (leicht) sanken kann das darauf zurückzuführen sein, dass bei den Anfangs nur wenig auffälligen Aggressionswerten der Placebogruppe ein Absinken kaum zu erwarten war.

Doch wenn man sich die Selbstbewertung der Kinder ansieht (YSR), fällt auf, dass die Werte bei Regelbruch und Aggression wieder in der Verumgruppe zu Versuchsbeginn deutlich höher waren. Beim Regelbruch blieb die Placebogruppe etwa gleich (nach 6 und nach 12 Monaten). Die Verumgruppe zeigte nur nach 6 Monaten eine leichte (signifikante) Besserung, um nach 12 Monaten wieder angestiegen zu sein. Die über den Zeitraum konstant gebliebene niedrigeren Werte der Placebogruppe wurden nie erreicht.

Beim Parameter Aggression zeigte sich bei der schon ausgangs deutlich besseren Placebogruppe eine deutliche Verbesserung (nach 6 Monaten auch statistisch signifikant). Die Verumgruppe hatte auch nach 12 Monaten nicht den Ausgangswert der Placebogruppe erreicht und lag noch deutlich drüber.

Kann man da bei der Verumgruppe von einer Verbesserung des Aggressions-und Regelbruchverhaltens wirklich sprechen?

Wenn man sich die ganze Tabelle durchsieht, findet man bei etlichen Parametern sowohl bei der Verum als bei der Placebogruppe signifikante Verbesserungen. Jedoch nicht beim gleichen Parameter. Da wird mal beim Placebo das eine verbessert, dann beim Verum das andere, mal beim einen nach 6 Monaten und nach 12 Monaten wieder nicht. Die Datenlage lässt für mich einfach keine verlässlichen Schlüsse auf irgendwas (betreffend ADHS) zu.

So hatten sich im YSR die Werte für Depression/Ängstlicheit, die bei beiden Gruppen anfangs etwa gleich waren, bei der Placebogruppe nach 12 Monate signifikant verbessert und war bei de Verumgruppe etwa gleich geblieben.

Die Studie vermutet vielleicht sogar einen Einfluss des Verhaltens der Eltern auf die Kinder. Vielleicht aus der Erwartung, die die Eltern an die „Therapie“ richteten? Aus dem beurteilten Sozialverhalten (soziale Probleme) aus der Elternbefragung (CBC) ergibt sich für die Placebo- wie die Verumgruppe über den gesamten Beobachtungszeitraum von 12 Monaten eine signifikante Verbesserung. In der Selbstbeobachtung der Kinder (YSR) zeigt sich das nur bei der Placebogruppe. Die sozialen Probleme der Verumgruppe blieben (nach Anstieg nach 6 Monaten!) nach 12 Monaten wie am Anfang.

Irgendeinen Vorteil der EPA und DHA Supplementierung (darum geht es der natura foundation vielleicht?) für ADHS-ler kann ich nicht erkennen.




Grundsätzliche Fragen:

Laut Studientext wurden etwa gleich viele Jungen wie Mädchen in die Studie einbezogen, obwohl weltweit ein Überwiegen der Diagnose ADHS bei Jungen angenommen wird?

„Das Verhältnis schwankt zwischen 3:1 und 9:1. Die Ursachen dafür sind noch unbekannt. Es wird jedoch vermutet, dass erbliche Faktoren hierfür hauptsächlich verantwortlich sind.“ aus:


Es ging ja doch wohl von vorne herein nicht um ADHS!?

Über Kinder in Mauritius:


Die Studie wurde mit finanziert von Smartfish (is a Norwegian, research-based company)


„We manufacture juice-based nutrition drinks, drinks for special medical purposes and for active people and elite athletes."

Copyright K.-U.Pagel 10.2016

Nachtrag:  Ich konnte nicht herausfinden, wer der Autor des von mir besprochenen Beitrages von natura foundation ist. Auch eine Quellenangabe konnte ich nicht finden. Ein Impressum konnte ich auf der Webseite nicht entdecken.

Bei Psiram (umstritten, ohne Impressum anonym) fand ich etwas darüber unter dem Begriff klinische Psychoneuroimmunologie:

 https://www.psiram.com/ge/index.php/Klinische_Psychoneuroimmunologie

Zitat:
<Inhaber der Natura Foundation ist das niederländische Unternehmen "Bonusan B.V." aus Numansdorp, das Nahrungsergänzungsmittel und Gemmotherapiemittel anbietet.[6] Natura Foundation organisiert in mehreren Ländern die Ausbildung zum "Therapeuten in klinischer Psycho-Neuro-Immunologie" und zum noch fragwürdigeren "Orthomolekular Therapeut".[7] Mit Natura Foundation Hilfe war es bis 2012 auch möglich, an der Universität Girona (UdG) in Spanien einen Masterabschluß in "klinischer Psychoneuroimmunologie" zu erlangen; vormals war dies auch in Graz (UNI for LIFE Seminarveranstaltungs GmbH, Graz/Österreich[8]) möglich.[9] >


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