Sonntag, 2. April 2017

Einsamkeit macht kränker - und abhängigkeitsgefährdet?

Soziale Einsamkeit als pathogener Faktor

Die Süddeutsche hat ein Thema aufgegriffen und (am Beispiel einer banalen Erkältung) auf eine Studie verwiesen:

URL: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/psychologie-einsame-kranke-leiden-besonders-1.3443278

<Wer sich sozial ausgeschlossen fühlt, leidet stärker unter Krankheits-Symptomen.>

Zitate:

<"Es ist zwar schon länger bekannt, dass Einsamkeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, an diversen chronischen Leiden zu erkranken und früher zu sterben", sagt Angie LeRoy, die an der Studie beteiligt war.>

<Das Gefühl der Einsamkeit war interessanterweise auch bei jenen Menschen vorhanden, die zwar etliche Bekannte haben, sich aber nicht wirklich aufgehoben und in die Gemeinschaft integriert wähnen.>


Haben wir hier eine Variante des "Placebophänomens" (Nocebophänomen, es macht ja kränker) zu tun? Nein, mit Physiologie/Biologie (dazu zählen auch Prozesse der Anpassung des Organismus an Umwelt- und soziale Bedingungen).

Es ist ein biologischer Unterschied, ob man einfach nur so mit anderen Lebewesen auch der gleichen Art zusammen ist oder sich als Einheit mit diesen erlebt. Das Zusammen-Vorhanden sein bedeutet biologisch-soziologisch-psychologisch immer auch Bedrohung, anhaltenden Stress. Denn man konkurriert um gleiche Nahrung und Resourcen im gleichen Lebensraum. Immer ist zu befürchten, dass "feindliche" Übergriffe dem anderen Vorteile dabei bringen sollen. - Vielleicht ein Phänomen, das auch zum Fremdenhass gehört?

Man kann also durchaus mit Vielen Kontakt haben, also nicht alleine sein, ohne dass das Gemeinschaft und Sicherheit bedeutet. Hier bieten so manche "Arbeitsteams" erschreckende Beispiele. Man ist oberflächlich einem gemeinsamen (Gewinn-)Ziel (fremder Interessen - Firma, Kapitalgeber) verbunden, aber im Grunde bietet der dabei sehr intensiv bestehende Konkurrenzdruck - auch Boni und Wunsch nach Weiterbeschäftigung am nächsten Projekt spielen da eine Rolle - Anlass zu Selbstausbeutung und Mobbing.

Fühlt man sich irgendwie in einer Gruppe geborgen - auch wenn das nur über die Verbundenheit einer gemeinsamen Ideologie oder auf die eigene Person bezogene Zielsetzung ist - und hat den Eindruck, dass die Gruppe (Familie, Glaubensgemeinschaft) unterstützt und schützt, vermag das das Selbstempfinden, auch Empfinden von (Krankheits-)Leid zu verändern. Manches wird erträglicher. Etwas unerträglich zu empfinden verstärkt das Gefühl, dass man hilflos und kaputt, eingeschränkt lebenfähig, ist.

Eine Gefahr, die aus "angstmachenden " Präventionsvorgaben entstehen kann. Da wirkt der Eindruck, dass man sich nicht aus sich selbst erhalten kann (wenn man nicht Bestimmtes tut), vielleicht als Bremse für die Aktivierung genetisch programmierter Selbstkorrekturen. So wie das positive Selbstgefühl, "WIR schaffen das" als Verstärker dienen kann.

Es scheint mir so, dass schon das tiefe Vertrauen, dass ein Gott bei einem ist, solche Selbsterhaltungsfunktionen etwas stärker aktivieren kann, als das Gefühl im Grunde (trotz der Vielen drumherum) einsam zu sein. Allein "auf die Jagd gehen zu müssen, ohne Gruppenschutz und -unterstützung".


Zitat:
<In früheren Untersuchungen hatten Wissenschaftler gezeigt, dass einsame Menschen auch empfindlicher auf Schmerzreize reagieren. Ihre Schmerzschwelle ist durch das Gefühl der Isolation verändert, sodass die Ausgrenzung geradezu körperlich nachempfunden wird.>

Menschen, die insbesondere in Glaubensgemeinschaften (egal in welchen) leben, scheinen länger zu leben und auch eher mit Krankheiten fertig zu werden (und sei es nur, diese besser ertragen zu können). Beispiele können sein die sogenannten "Heilungsgottesdienste" bestimmter Glaubensgemeinschaften, das Treffen vieler im gemeinsamen Glauben und Hoffen auf Wunder in Lourdes oder Fatima.

Schon die Ehe scheint das Leben länger währen zu lassen als das Singledasein im Alter.

Wieviel Raum nimmt denn eine solche soziale Anamnese, die die "Einsamkeit" erfassen soll, heute noch in der Heilkunde ein?

Wie sehr wird beachtet, dass Therapien, seien es psychische oder körperliche (Krankengymnastik u.ä) in der Gruppe den Kranken mit gemeinsamem Leid und Ziel, Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung geben können - über die Chance, Gemeinsamkeiten zu finden und Einsamkeiten zumindest im Bereich der Krankheitsempfindung zu reduzieren?

Da liegt meiner Auffassung nach auch der für manche helfende Aspekt von Yogagruppen, Abnehmgruppen, Fastengemeinschaften u.a. begründet. Nicht Yoga heilt, das Gefühl, hier zumindest in einem gemeinsamen Raum zu sein - und damit Leiden besser ertragen zu können - ist wohl wesentlich. Vielleicht mehr nur als ein reiner Placeboeffekt.

Man kennt den Effekt auch beim Yoga: Die Gruppe mit begleitenden Aktivitäten, gemeinsamen Ideen und Vorstellungen zur Welt, lässt die gleichen Übungen besser wirken als wenn diese alleine nach vorherigen Anweisung durchgeführt werden.

Da liegen auch Gefahren: So manche Patienten kommen zum Therapeuten, Arzt, Heilpraktiker nicht nur mit dem Leid sondern auch der Hoffnung eine "Minigruppe" bilden zu können, durch das Verständnis der Therapeuten zumindest nicht mehr ganz einsam mit seinem "Schmerz" zu sein. Schmerz nicht selten der Ausdruck (laute Schrei) der Einsamkeit?

Darüber können dann leicht "Zusatzgeschäfte" dessen, dessen Nähe der Patient zu bekommen hofft, geschehen: Man geht auf "Angebote von Verkauf oder Dienstleistungen zusätzlich" ein (mancher Grund z.B. für den Bezug von IGel-Leistungen), bis hin, dass man zum "Jünger bestimmter Weltanschauungen" des Therapeuten (und dessen selbst) wird. Ich sehe hier z.B. den Hang (Wunsch) zur "Neuen Germanischen Medizin", zu anthroposophischen oder theosophischen Weltanschauung, gar, verschwörungstheoretischen Kreisen zuzugehören, als mögliche Formen.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich vor ca. 40 Jahren Balintgruppern von Ärzten kennenlernen durfte, in denen die Mitglieder versuchten, gerade auch erkennen zu lernen, wenn sie als Therapeuten in die Gefahr kamen, Patienten für eigene Interessen auszunutzen - und das dann zu vermeiden und an sich selbst zu arbeiten.

Sehe ich es falsch, wenn ich heute eher das Gegenteil, gerade bei alternativen (weltanschaulischen) Therapeuten sehe? Es wird offensichtlich daran gearbeitet, gerade die Abhängigkeit zu nutzen? PatientenBINDUNG ist das Ziel, nicht diesen von der Therapie und von Therapeuten unabhängig zu machen?


Copyright K.-U.Pagel 04.2017

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