Donnerstag, 1. Juni 2017

Krebskranke nicht zum Werkzeug machen

Immer wieder lese ich, wie Angehörige, Freund, Bekannte, oder einfach nur Personen, die von jemandem mit schwerer Erkrankung (einer Krebsform z.B.) berichten, der von der „Schulmedizin“, von Ärzten miserabel behandelt worden wäre und durch deren Therapien (meist wird Chemo genannt) Schaden genommen hätte, vielleicht wegen dieser Therapie statt einer (im Regelfall gar nicht konkret genannten) alternativen Therapie überlebt hätte.


Das zeigt ein Problem auf, das mir in den nun rund 35 Jahren als Heilpraktiker immer wieder begegnete, in der Zeit, in der über das Internet „Verschwörungstheorien“ verbreitet werden und Geschäfte mit alternativen Verfahren beworben und betrieben werden, meine ich es zunehmend zu sehen: Die Betroffenen (Kranken) werden immer wieder von Angehörigen, „Freunden“ und gar nicht sach- und fallkundigen „Ratgebern“ bedrängt. Sie werden verunsichert, eigene Entscheidungen aus sich heraus zu treffen, es wird die zunächst begonnene (schulmedizinische) Therapie madig gemacht. Es werden Zweifel, insbesondere durch Verschwörungstheorien, sogar an der Redlichkeit der Behandler geweckt und erst recht an den begonnenen oder vorgeschlagenen Therapie: „Die Pharmamafia will nur Geld verdienen mit Menschen, die krank gemacht werden. Die Ärzte werden davon gelenkt. Die Pharmamafia will mit allen Mitteln verhindern, dass wirksame alternative Therapie, manchmal nur in Form von Vitaminen oder Gemüsesmoothies, an der diese Mafia nichts verdient, bekannt werden“. So klingt es nicht selten.

Da werden angebliche Berichte von Tausenden angeblich geheilter Menschen durch „Wundermedizin“ eines mehr oder minder berühmten Arztes (?) angeführt, die die Wirksamkeit (verschiedenster) Heilweisen und Mittel (von Blausäureabkömmlingen bis geheimnisvollen Energiestrahlen) sicher beweisen sollen. Jedoch gibt es keine von der Diagnose über alle durchgeführten Maßnahmen bis zum Endergebnis dokumentierten Fälle zum nachlesen. In manchen Fällen finden sich in „Lobhudelbüchern“ zitierte Mail, in denen jemand behauptet, durch das jeweilige Wunderding geheilt worden zu sein. Sind das die Hauptanteile an den „Heilungsfällen“?

Es fällt auf, dass die vielen Ratgeber, von Familienangehörigen an bis zu Bücherschreiber und Blogaktivisten, in vielen Fällen nicht mal wirkliche Kenntnisse über die Fülle der Krebserkrankungen, Verläufe und auch „Heilungsquoten“ zu haben scheinen. Wer nur immer verallgemeinernd von Krebs schreibt oder schreibt weiß vielleicht gar nicht, über was er sich auslässt?


Ich möchte hier aus meiner langen Erfahrung berichten:

Der Erkrankte ist die Person, die die Entscheidungen über sich zu treffen hat. Und im Regelfall kann sie es auch am Besten. Gerade bei Erkrankungen die zum Tode führen können, kommt es zu Konflikten, die der Betroffene überhaupt nicht zusätzlich braucht. Er hat genug damit zu tun für sich selbst, keinen anderen, Kräfte zu haben. Er hat an sich selbst zu denken.

Da mischen sich nun Angehörige ein, für die der Betroffene etwas empfindet, deren Befinden im immer wichtig war und weiter ist. Diese haben viel mehr Schwierigkeiten – und das obwohl sie gar nicht von der Krankheit selbst betroffen sind – dass die eigentliche „Hauptperson“ dem Sterben nahe sein könnte. Warum sie damit nicht zu Recht kommen, warum sie immer wieder versuchen, dem Kranken durch was für Ideen und Ratschläge auch immer, abzuverlangen, dass er Hoffnungen haben soll, die ihm selbst fern liegen, müssten diese Personen für sich klären.

Es ist für Angehörige wichtig, Unterstützung zu bekommen, den Zustand eines nahestehenden Kranken einfach mal zu akzeptieren und dem Kranken es zu überlassen, was er für sich machen oder lassen will.

Es ist nicht selten so, dass die Angehörigen wegen eigenem Leidens nicht wahr haben wollen, was der Kranke längst spürt und auch (ja es ist oft so) für sich akzeptiert. Dabei kann es irgendwann soweit sein: Der Kranke gibt nach und verhält sich so, wie es die „leidenden“ Angehörigen für sich wünschen. Er will diese beruhigen, irgendwie deren Leid therapieren, und letztlich für sich keine weiteren Konflikte, gar mit Angehörigen, haben wollen.

Da bleibt der Kranke auf der Strecke mit all seinen Bedürfnissen und seinem eigenem Leid (bei den er Trost und Hilfe braucht, nur weil die „Gesunden“ mit sich und der Situation nicht klar kommen. Solche Menschen können keine Hilfe sein.

Wenn dann auch noch fachlich völlige Laien irgendwelchen „Geschäftemachern mit alternativen Therapieideen auf den Leim gehen“ vielleicht eigenen Frust mit Gott und der Welt so verarbeiten möchten, und las Ratgeber immer neue Vorschläge machen - nein im Grunde diktatorisch darauf drängen wollen, dass sich der Kranke mit deren Ideen nicht nur auseinander setzt, sondern sie gefälligst annimmt - in welche (verzweifelte) Lage zwingen sie diesen dann!

Die wohl dümmste Aussage ist, was man in dieser Lage des Kranken mache würde. Man ist nicht in der Lage und wie man dann entscheiden würde, unter dem Druck, kann der, dem es jetzt gut geht NICHT absehen. Auch die Frage an einen (Fach-)Therapeuten, wie er sich entscheiden würde, leidet unter diesem Mangel. Auch wenn der Fachmann viel genaueres Wissen um Konsequenzen hat, wieder der Laie, der irgendwelchen Ratschlägen folgt. Solche Ratschläge kann er kaum prüfen, er fällt da oft auf angeblich besonders tolle Referenzpersonen rein und als Hauptargument hört er dann, dass die Idee schon deswegen richtig ist, weil „Schulmedizin und Pharmamafia“ lügen, die Presse manipulieren usw.

Wie soll dann ein Kranker überhaupt frei entscheiden, wenn er bedrängt wird, zu glauben, dass die behandelnden Fachleute ihm nicht helfen wollen, nur benutzen.

Man bringe Sachverhalte vor, die man selbst beurteilen kann (Wissen), nicht Namen von angeblich berühmten Personen, nicht irgendwelche Artikel aus parteiischen (Kämpfer gegen Chemotherapie und Schulmedizin) Medien, oder man schweigt. Die behandelnden Personen sind zu objektiver Aufklärung verpflichtet, auch zu objektiver Aufklärung über Verfahren und Mittel „alternativer“ Art. Und es gibt die Zweit-und Drittmeinung von Fachleuten. Aber immer objektiv.

Übrigens: Auch der, der alternative Heilweisen anbietet, hat daran ein Interesse, dass er diese „verkaufen“ kann. Also, immer, wenn da aggressiv gegen „Konkurrenten“, irgendwelche „Systeme“ usw. gewettert wird, Vorsicht. Das gilt vor allem für Angehörige, Freunde und andere Ratgeber, die zu solchen Personen raten.

Der Betroffene weiß, sich zu entscheiden, er spürt seinen Zustand. Darum aufhören, diesen ständig zu belabern, gar eine Form von Druck und geradezu Terror aufzubauen, damit er in einer dem „Ratgeber und seiner Weltauffassung“ passenden Weise handelt.

Ich beobachte, dass Kranke zur Keule, zum Werkzeug, werden sollen, um bestimmte Meinungen, die der „Lehrmeinung“ widersprechen, durchzuprügeln. Im Interesse des Nichtbetroffenen.

Man lasse einen Menschen auch friedlich sterben, begleitet durch die lindernde Medizin, wenn er durch seine Krankheit und deren Verlauf dem Tode zuschreitet. Wunderheilungen sind immer, auch dann, noch möglich. Doch jemandem Lebenszeit zu stehlen, indem man ihm mehr oder minder dazu drängt, Zeit für irgendwelche Therapieversuche aufzuwenden ohne tatsächliche Wirkwahrscheinlichkeit, zu investieren – oder im Streit mit dem Ratgeber Lebensqualität zu verlieren – nutzt dem Kranken nicht. Unter so manchem Druck dieser Art ist für den ohnehin Belasteten kaum eine freie Entscheidung möglich.

Das als Appell zum Wohle und zur Freiheit des vielleicht todkranken an einer Krebsart Leidenden.

Copyright K.-U.Pagel 06.2017

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