Mittwoch, 23. August 2017

Heilpraktiker abschaffen - viel Lärm um nichts

Diskussion um Heilpraktikerberuf und seine Qualifikationen - Münsteraner Memorandum

Eine Veröffentlichung eines Ärztekreises, das sogenannte Münsteraner Memorandum, hat vor wenigen Tagen die Diskussion um den Heilpraktikerberuf, aber auch alternative Heilverfahren an sich, angeheizt. Es lohnt sich diese mal genau zu lesen, statt nur manchmal recht einseitige Darstellungen in der Presse allein zu sehen oder gar nur das zu sehen, was Gegenredner in ihren Erklärungen daraus zitieren oder dieser zuschreiben:

https://www.aerzteblatt.de/down.asp?id=19264

Zutreffend wird z.B. festgestellt:

"Unbestritten schenken viele Heilpraktiker ihren Patienten Zuwendung und wohltuende Aufmerksamkeit, die diese in der auf Effizienz getrimmten wissenschaftsorientierten Medizin sehr oft nicht finden. Auch scheinen nicht wenige Patienten die aus wissenschaftlicher Sicht irrationalen Therapieansätze dieser Behandler zu bevorzugen, wobei sie allerdings den unzutreffenden Eindruck haben mögen, deren staatliche Zulassung garantiere Qualität und Kompetenz. Dies liegt daran, dass staatliche Zulassungen normalerweise genau diese Funktion haben, im Sonderfall der Heilpraktiker aber nur minimale Kenntnisse zur Gefahrenabwehr verlangt werden. Auch zur umfangreichen Verpflichtung der wissenschaftsorientierten Medizin auf den
therapeutischen State of the art und auf eine beständige systematische Verbesserung gibt es innerhalb des Heilpraktikerwesens keine Entsprechung. Wenn Patienten dennoch die Dienste von Heilpraktikern in Anspruch nehmen, dann vermutlich auch deshalb, weil ihnen die zur Anwendung kommenden Verfahren oft pauschal und fälschlich als natürlich, sanft, wirksam und nebenwirkungsfrei angeboten werden."

Dem kann man tatsächlich zustimmen. Die Fakten stimmen und die Vermutungen lassen sich ableiten. Gerade dann, wenn Heilpraktiker in Ablenkung von der Bedeutung der Berufszugangshürde, die per Gesetz lediglich eine Überprüfung ist rein zur Gefahrenabwehr, immer wieder von Prüfungen sprechen in ihrer Selbstdarstellung in der Praxiswerbung, manche gar schreiben, sie hätten ein Studium dazu an der und der Schule gemacht, kann man nachvollziehen, dass Patienten fälschlich eine Art Fachwissensprüfung in vergleichbarer Weise wie bei anderen Heilberufen vermuten.

Solange Heilpraktikerverbände ihre Mitglieder nicht dazu verpflichten, solche zur Irreführung vielleicht geeigneten aber unzutreffenden Angaben zu unterlassen, wird das Problem nicht beseitigt sein. Auch wenn tausende, die so etwas machen (weil sie vielleicht in ihren "Schulen" auch nichts anderes gelernt haben) immer wieder nur als Einzelfälle dargestellt werden, ist das nicht unerheblich.

Eine bildhafte Aussage in diesem Memorandum wird in den "Widerworten" mancher Heilpraktiker gerne völlig verkürzt wiedergegeben und als unverschämt bezeichnet. Hier mal der Zusammenhang:

"Mit zugespitzten Vergleichen: Es wäre undenkbar, Brückenbau auf der Grundlage spiritueller Statik zuzulassen oder jemandem die Steuerung eines Flugzeugs anzuvertrauen, dessen ganze Kompetenz in einem erfolgreich absolvierten Workshop über die Sage des Ikarus besteht. So abstrus dies erschiene – auf der Basis vergleichbarer fachlicher Voraussetzungen dürfen Heilpraktiker in Deutschland Patienten untersuchen und behandeln."

Warum soll man solches nicht so deutlich machen? Tatsächlich - wer will das abstreiten - finden durchaus Behandlungen durch Heilpraktiker, als Berufsausübende (Profis - und durch Laien, die sich dazu berufen sehen), statt, die auf rein philosophischer weltanschaulicher Basis stehen. Und überprüft wurden nicht die Grundlagen der jeweiligen speziellen Erkrankung.


Doch das Memorandum meint nicht nur die Heilpraktiker, die nicht aus Heilberufen kommen, sondern alle, die im Bereich der komplementären und alternativen Medizin eine Betätigung suchen:

"Neben Heilpraktikern gibt es aber auch sehr viele Ärzte, die KAM-Verfahren anbieten, bewerben und dies ihrem Selbstverständnis nach als „Integrative Medizin” bezeichnen. Während Ärzte nicht als Heilpraktiker firmieren dürfen, da eine Heilpraktikerprüfung ihnen weder Zusatzqualifikationen
bescheinigen noch Zusatzbefugnisse verleihen würde, gilt dies nicht für
Zahnärzte, Psychologen oder Physiotherapeuten, die ihre vergleichsweise eingeschränkten berufsspezifischen Befugnisse durch eine Zusatzzulassung als Heilpraktiker ausweiten können.Eine große Gruppe solcher „Add-on” - Heilpraktiker bietet KAM neben den etablierten akademischen oder halb-akademischen Verfahren ihres Berufsstands an. Wegen des (außer bei „Psychotherapeutischen Heilpraktikern“) unbegrenzten Behandlungsbereichs dürfen sie in dieser Funktion nämlich über das Gebiet ihrer „eigentlichen” Profession hinausgehen. So dürfen
Heilpraktiker-Zahnärzte – ebenso wie Heilpraktiker - Physiotherapeuten – grundsätzlich auch Nieren- und Herzprobleme behandeln, was ihnen als „reinen” Zahnmedizinern verboten wäre."

Und es geht weiter:

"Schadenspotentiale durch die Tätigkeit ärztlicher KAM-Anbieter

Wenn KAM innerhalb der wissenschaftsorientierten Medizin angeboten wird, entstehen ebenfalls Probleme. So können auch Ärzte, die von der Wirksamkeit bestimmter alternativmedizinischer Verfahren überzeugt sind, ihren Patienten schaden, wenn sie solche anstelle sinnvoller Maßnahmen der wissenschaftsorientierten Medizin anwenden und ihnen somit ein evidentermaßen überlegenes Vorgehen vorenthalten. Aber unsere Bedenken gehen deutlich weiter. So sollten aus unserer Sicht Verfahren der Alternativmedizin überhaupt keinen Platz in der wissenschaftsorientierten Versorgung haben, da dies als wissenschaftliche „Adelung” des gerade Nicht-Wissenschaftlichen erscheinen muss, und zwar selbst dann, wenn diese Verfahren lediglich ergänzend eingesetzt werden. Hier gilt: Ein der Patientenversorgung verpflichtetes Gesundheitssystem muss von unbelegten und überzogenen Heilsversprechen gänzlich freigehalten werden."


Es geht um Kritik an bestimmten komplementären alternativen Verfahren überhaupt. Heilpraktiker sind kein Mitglied des Gesundheitssystem, auch wenn sie zu den Heilberufen zählen.

Wer würde dieser Aussage widersprechen?:

"Entsprechend sind auch Hoffnungen auf Heilung durch Methoden der AM grundsätzlich zu respektieren. Andererseits kann es ethisch nicht hingenommen werden, wenn Patienten die mitunter weitreichende Entscheidung, exklusiv auf AM zu setzen, vor allem in Ermangelung umfassender und wahrhaftiger Aufklärungsangebote treffen."

Um diese Aufklärung leisten zu können, auch über Angebote der Schulmedizin, müssen diese bekannt sein und vom Aufklärenden verstanden werden. Da allerdings darf zu Recht darauf verwiesen werden, dass Heilpraktiker solches Wissen bei der Berufzulassungsüberprüfung rein zur Gefahrenabwehr nicht haben müssen. Jedoch müssen Heilpraktiker gemäß der Rechtsprechung dann, wenn sie bestimmte Verfahren anwenden wollen, deren Grundlagen genau kennen und auch die jeweils zu behandelnden Krankheiten mit möglichen Therapieweisen. Woher das Wissen kommt, ist Sache des Heilpraktikers. Versuche, sich darauf rauszureden, dass ja die Überprüfung bestanden worden wäre und man glaubte, deswegen genügend zu wissen, gingen daneben. Die Idee, dass für solche umfassende Aufklärung eine Ausbildung mit klarem Wissenskatalog Grundlage sein sollte, ist nicht abwegig. Der Gesetzgeber setzte aber auf eine frei gewählte Ausbildung der Heilpraktiker.

Schon vor über 10 Jahren gab es mal Überlegungen im Bereich der Länderarbeitsgemeinschaften zum Heilpraktikerberuf, dass Heilpraktiker, eben weil sie kaum Schulmedizinisches in ihren Angebot haben, eher mal dieses in der Aufklärung weniger gründlich erwähnen könnten und deswegen zunächst ein Arzt feststellen sollte, ob Alternatives (was er auch anbieten kann) angezeigt ist. Das wurde nicht weiter verfolgt, weil eine entsprechende gesetzliche Begrenzung unangemessen erschien.

Doch auch gegen Ärzte richtet sich der Vorbehalt beschränkter Aufklärungsmöglichkeit:

"Zwei Schwierigkeiten, wie man sie auch aus anderen Bereichen der medizinischen Aufklärung und Beratung kennt, scheinen nun aber bei KAM besonders ausgeprägt. Erstens: Wenn Ärzte und Heilpraktiker ihre Patienten, wie geboten, über die fehlende wissenschaftliche Absicherung
und fehlende professionelle Akzeptanz von KAM aufklären, senken sie absehbar die Nachfrage nach den eigenen Behandlungsangeboten. Dies steht jedoch ihren ökonomischen Interessen entgegen und zum Teil auch ihrer Haltung zum methodischen Vorgehen der wissenschaftsorientierten Medizin. Ähnlich problematische Interessenkonflikte treten etwa auch bei den sogenannten IGe-Leistungen auf und müssen hier wie dort durch strukturelle Maßnahmen entschärft werden."

So abwegig ist der Gedankengang doch gar nicht. Und vor allem nicht einseitig den Heilpraktikern angelastet. Gar die IGel-Leistungen der Ärzte findet hier Kritik.


Mein Eindruck ist, dass im Grunde dieses Memorandum selbst gar nicht wirklich gelesen wurde, vielmehr sich Gegner und Heilpraktikerbefürworter auf teils verzerrten und einseitigen Darstellungen stützen und im Grunde mit ihren Argumenten Tatsachen nicht wegreden können und nachvollziehbaren Gedanken nicht wirklich die Berechtigung absprechen können. 

Co.  K.-U.Pagel 08 2017


Ergänzung zur Information:


Was muss ein Heilpraktiker wissen?

Da das Gebiet der Heilkunde sehr weit reicht und nicht nur normierbares wissenschaftlich Begründetes dazu gehört, hat der Gesetzgeber neben dem gesetzlich auch vom Wissensinhalt normierten Arztberuf einen Heilberuf zugelassen, der große Freiheiten seiner Tätigkeiten haben soll. Dazu war es der extrem unterschiedlichen Verfahren und Ideen wegen nicht möglich, eine normierte Ausbildung festzulegen.

Doch der Schutz der damals so genannten Volksgesundheit vor Ausübenden, deren Tätigwerden Gefahren bringen könnte, sollte gewährleitet sein. So wurde die Berufsausübung als Heilpraktiker erlaubnispflichtig und die Erteilung der Erlaubnisse wurde zum einen an persönliche Merkmale geknüpft zum anderen daran, dass ein Mindestwissen vorhanden sein muss, welches ermöglicht Gefahren für Patienten zu erkennen. Dazu sollte es genügen, um die Grenzen der eigenen Möglichkeiten erkennen zu können und rechtzeitige Verweisungen an Ärzte sicher zu stellen.
Die gesetzlichen Regeln für den Beruf und die Tätigkeit müssen gewusst werden.

Das muss mittels einer Überprüfung - der Gesetzgeber verwendet ausdrücklich zur Abgrenzung gegenüber den Prüfungen in anderen Gesundheitsberufen und um Fehleinschätzungen zu vermeiden diesen Begriff - durch den Amtsarzt festgestellt werden.

Das bedeutet: Heilpraktiker müssen sich einer GefahrenabwehrÜBERPRÜFUNG unterziehen, um sicher zu stellen, dass genügend (medizinische Grund-) Kenntnisse und Fähigkeiten da sind, um nicht nicht schaden. Ein umfangreiches Wissen zum Nutzen der Patienten, wie es Ärzte im Studium erwerben müssen, muß für die Berufserlaubnis NICHT dargelegt werden. Demnach ist kaum zu erwarten, dass lediglich mit dem Überprüfungswissen eine heilkundliche Tätigkeit ausgeführt werden kann.

Das für diese Tätigkeit notwendige Wissen muss in eigener Verantwortung dazu erworben werden. Wie, das ist nicht vorgeschrieben. Es muss aber genügend sein, um das jeweilige Therapieverfahren bei der jeweiligen Erkrankung, bei dem jeweiligen Beschwerdebild sicher ausführen zu können. Es muss genügend genaues schulmedizinisches Wissen über die jeweilige Krankheit vorhanden sein, um erkennen zu können, ob das gewählte Verfahren überhaupt angewendet werden darf und mit welchen Risiken verbunden. Es genügt nicht, z.B. die philosophischen und spirituellen Hintergründe der Kranheitssicht zu kennen. Daraus muss sich ergeben können, dass vor jeder Behandlung der Patient genau und umfassend über die Erkrankung und die möglichen Therapien, auch schulmedizinischen, objektiv aufgeklärt wird.

Das bedeutet z.B. wenn ein Heilpraktiker Patienten mit rheumatischen Erkrankungen - auch nur alternativ - behandeln möchte, muss er ein so umfangreiches Wissen über die verschiedenen dazu gehörigen Erkrankungen haben, wie man das von einem Arzt verlangen würde.

Die Rechtsprechung bestätigt, dass es nicht genügt, sich nur darauf zu berüfen, man hätte ja eine Überprüfung bestanden, sondern verlangt spezifisches Wissen darüber hinaus für den Fall des Tätigwerdens, wenn auch nur mit "alternativen" Verfahren.

Das bedeutet für den Heilpraktiker eine riesige Verantwortung im selbstverantworteten Lernen weit über die Überprüfung hinaus. Der Gesetzgeber erwartet das auch und entsprechend ist die Haftung für das Tun des Heilpraktikers. Verweisen auf Selbstheilung oder Eigenverantwortung des Patienten genügt nicht.

Ein Heilpraktiker darf demnach nur eine solche Therapie durchführen, zu deren Anwendung er fachlich qualifiziert ist und über die er umfassend aufgeklärt hat, auch über Alternativen dazu.
Das BVerfG hat in einer Entscheidung zu Hufschmieden (!) 2006 festgestellt:
"Heilpraktiker müssen deshalb nicht über umfassende heilkundliche Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen (vgl. BVerfG, a.a.O.), dürfen Patienten aber nur im Rahmen ihres persönlichen Könnens behandeln....(Beschl. v. 03.07.2007 – 1 BvR 2186/06 –, BVerfGE, 119, 59 ff. )"

Warum sollte man als Heilpraktiker nicht dazu stehen, wenn man vom Gesetzgeber letztlich große Freiräume in der Methodenwahl erhalten hat?

K.-U-Pagel 08 2017 


25.08.2017


Ich füge eine Kommentierung einzelner Aussagen des Memorandums an. Zitate sind mit < > gekennzeichnet.


Zum Münsteraner Memorandum im Einzelnen:

< … spezifische, aber nicht trennbare Teilaspekte dieses Problems sind Fehlbehandlungen durch (i) Heilpraktiker, die ihre Patienten überwiegend mit Interventionen aus dem Bereich der (ii) Komplementären und Alternativen Medizin (KAM) behandeln >

Ja diese Fehlbehandlungen gibt es zweifelsfrei sowohl durch Heilpraktiker als auch durch Ärzte. Die wird es immer geben sind aber nicht „berufstypisch“ sondern immer ein Problem der Persönlichkeiten der Ausübenden. Auch Fehlbehandlungen im Bereich der "wissenschaftlichen" Medizin sind bekannt. Leugnen wir sie weder weg noch verharmlosen wird das.


< … Die Praxis der wissenschaftsorientierten Medizin … soll zumindest ihrem Anspruch nach durchgehend wissenschaftlich begründet und in ihren Behandlungsaussichten mit hinreichendem Evidenzgrad überprüft sein … >

Das ist ein zutreffender Anspruch und diesen hat die KAM nicht und muss sie ihrem Wesen nach auch nicht haben. Sollte sie aber auch nicht dem Patienten gegenüber irgendwie nahelegen, dass sie solchen Anspruch habe. Deswegen trifft zu:

< … wissenschaftliche Begründbarkeit und klinische Evidenz, werden von vielen KAM-Befürwortern skeptisch gesehen oder sogar abgelehnt ..>


< KAM, und hier besonders der AM-Anteil, ist gängige Praxis von Heilpraktikern, die sich aber auch Techniken der wissenschaftsorientierten Medizin bedienen. >

Wer will das bestreiten?

< Heilpraktiker selber, so lässt sich aus den zahlreichen explizit nicht wissenschaftlich fundierten Krankheits- und Heilkonzepten schließen, sehen sich vielfach als eigenständige Säule in einem „pluralistischen” Gesundheitssystem.>

Trifft voll zu und ist vom Gesetzgeber auch so gewollt, deswegen wurde der Heilpraktikerberuf auch geschaffen.

<Neben Heilpraktikern gibt es aber auch sehr viele Ärzte, die KAM-Verfahren anbieten, bewerben und dies ihrem Selbstverständnis nach als „Integrative Medizin” bezeichnen. … Eine große Gruppe solcher „Add-on”-Heilpraktiker bietet KAM neben den etablierten akademischen oder halb-akademischen Verfahren ihres Berufsstands an. >

Stimmt. Wo liegt da das Problem für den Heilpraktikerberuf?

<Hier nun liegt bereits eines der größten Probleme des Heilpraktikerwesens: Durch die staatliche Anerkennung von Heilpraktikern als „Heilkunde” Ausübende und durch die gesetzlich fixierte Berufsbezeichnung „Heilpraktiker” (vgl. Heilpraktikergesetz §1) wird Patienten suggeriert, es handle sich um staatlichgeprüfte Heiler, die im Grunde äquivalent zu Ärzten ausgebildet seien und ... .>

Ja, da legt ein Problem. Jedoch liegt es nicht am Heilpraktikergesetz und dem, was der Gesetzgeber als klare Abgrenzung gegenüber dem Arztberuf festgelegt hat. Es liegt an einzelnen Heilpraktikern, die den Eindruck erwecken können (oder gar wollen) sie hätten eine vergleichbare Ausbildung mit Prüfung, indem sie sich geradezu weigern, den Vorgegebenen zu Prüfungen abgrenzenden Begriff „Überprüfung“ zu verwenden. Irgendwie sind auch die Autoren des Memorandums darauf reingefallen, wenn sie die ausdrückliche Überprüfung als Prüfung bezeichnen – was dann ja auch Patienten passieren kann. Und da sollten einige Heilpraktiker einfach ihr „Geltungsbedürfnis“ (?) zügeln! Das aber könnte schon durch das Wettbewewerbsrecht zu regeln sein.

<... deren Kenntnisse sich zudem – anders als die vieler Ärzte – nicht auf ein oder zwei Fachgebiete beschränkten>
Diese Aussage ist falsch. Ärzte werden in ihrem umfassenden Medizinstudium gerade so ausgebildet, dass sich ihre Kenntnisse eben nicht nur auf ein oder zwei Fachgebiete beschränken dürfen!

<Heilpraktiker haben demgegenüber nur eine einzige Prüfung (Einschub: Überprüfung s.o.!) zu bestehen, in der sie nachweisen müssen, dass sie sich bestimmter Grenzen ihres Kompetenzbereichs bewusst sind, etwa bei der Behandlung von Infektionskrankheiten. … 1992 wurden Leitlinien definiert, nach denen die Gesundheitsämter Heilpraktiker in verschiedenen Wissensgebieten prüfen (ÜBERPRÜFEN!) müssen – schriftlich wie mündlich. Im Dezember 2016 hat der Gesetzgeber mit dem Dritten Pflegestärkungsgesetz (PSG III) das Heilpraktikergesetz und die Erste Durchführungsverordnung zum Heilpraktikergesetz geändert. Nunmehr sollen bis Ende 2017 unter Beteiligung der Länder einheitliche Leitlinien erarbeitet werden, auf deren Grundlage zukünftig die Kenntnisprüfung von Heilpraktikeranwärtern durchgeführt werden soll. … Eine Erlaubnis darf auch zukünftig dann (und nur dann) verweigert werden, wenn sich bei der Kenntnisprüfung ergibt, dass die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung oder für die ihn aufsuchenden Patienten bedeuten würde.>

Wenn auch nicht klar genug formuliert wird deutlich und nicht bestritten: Der Gesetzgeber besteht darauf, dass jemand, der als Heilpraktiker tätig werden will, damit keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung (und den Patienten) darstellen darf. In verschiedenen Wissensgebieten findet auf der Basis schon länger bestehender Leitlinien eine Kenntnis ÜBERprüfung statt. Der Gesetzgeber strebt mit weiteren Leitlinien noch mehr Klarheit dabei an. Was gibt es noch zu bemängeln? Es ist doch alles im Grunde zutreffend gesagt. Keine Gefahr.

<Sobald Heilpraktikern die Erlaubnis zur Berufsausübung erteilt worden ist, dürfen sie Diagnosen stellen und Behandlungen durchführen, etwa auch Injektionen verabreichen und Infusionen legen. Sie dürfen damit fast alle im ärztlichen Beruf angesiedelten Tätigkeiten ausüben, … Je nach Lehre enthalten diese mehr oder weniger wissenschaftlich unbegründete oder unhaltbare Elemente: Vielfach handelt es sich dabei um Glaubensüberzeugungen, von denen viele wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen oder durch die moderne Medizin empirisch widerlegt sind.>

Auch das trifft zu. Je nach Lehre eben. Davon gibt es viele.

Die Überprüfung gemäß dem Gesetz soll gerade nicht den Nutzen für Patienten feststellen. Deswegen gilt auch für Heilpraktiker die Regel: Nur tun, was man – zusätzlich zum Überprüfungswissen gelernt hat. Mit dem Anspruch des Haftungsrechts, dass das Wissen dem eines Arztes für den konkreten Behandlungsfall entspricht.

Und wenn das nicht ausreichend in freier Wahl ders Ausbilungsweges geschieht, dann kann es in einzelnen Fällen auch zutreffen:

<Gerade reine Heilpraktiker laufen daher Gefahr, ihre Patienten auf der Grundlage bruchstückhafter wissenschaftlicher Kenntnisse sowie fehlerhafter Interpretationen und überkommener Konzepte von Krankheit und Heilung zu behandeln.<

Das trifft zu, diese Gefahr besteht grundsätzlich immer, auch bei KAM-Ärzten. Jeder der in der konkreten Heilkundeausübung zu geringe Kennnisse einer Sache hat und fehlerhafte die Konzepte interpretiert kann dem erliegen. Das haben die Autoren des Memorandums erkannt auch:

<Wenn hingegen Add-on-Heilpraktiker und Ärzte Alternative Medizin (AM) anbieten, tun sie dies zwar vor dem Hintergrund akademischen Fachwissens, sie blenden ihr Fachwissen beim Thema AM aber offenbar erfolgreich aus.>

Also kein Heilpraktikerproblem allein, was durch Gesetze verhindert werden könnte. Verstöße gegen Sorgfaltsregeln können bei jedem Heilberuf vorkommen.

<Ob Heilpraktiker oder aber Ärzte AM anbieten, macht auch insofern keinen Unterschied, als es aus unserer Sicht ethisch illegitim ist, absehbar unterlegene bis unwirksame Verfahren zu verabreichen oder sie als verdeckte Plazebos anzubieten.>

Die Autoren dürfen ihre Sichtweise zur AM darstellen auch wenn es Gegenmeinungen gibt.
<... Behandlung durch reine Heilpraktiker, deren Berufsbefugnisse und Ausbildungsstandards, wie beschrieben, ein erhebliches Missverhältnis aufweisen. ..>

Ja, das stimmt. Es gibt keine standardisierte Ausbildung für die spätere Tätigkeit nach der Überprüfung. Und auch für die gibt es keine standardisierte Ausbildung. Der Gesetzgeber hat bewusst auf Ausbildungsregelung von Form und Inhalt her verzichtet.

<Auch scheinen nicht wenige Patienten die aus wissenschaftlicher Sicht irrationalen Therapieansätze dieser Behandler zu bevorzugen, wobei sie allerdings den unzutreffenden Eindruck haben mögen, deren staatliche Zulassung garantiere Qualität und Kompetenz.>

Ein solcher unzutreffender Eindruck kann entstehen durch „übertreibende und selbsterhöhende“ Darstellung der Ausbildung und Zulassung zum Heilpraktikerberuf in Werbeauftritten von Heilpraktikern. Jedoch ist das „persönliche Regelübertreten“ kein Grund für gesetzliche Maßnahmen über die möglicherweise missachteten Werbebeschränkungen hinaus.

<Wenn Patienten dennoch die Dienste von Heilpraktikern in Anspruch nehmen, dann vermutlich auch deshalb, weil ihnen die zur Anwendung kommenden Verfahren oft pauschal und fälschlich als natürlich, sanft, wirksam und nebenwirkungsfrei angeboten werden.>

Ja, solche Werbeaussagen, die gegen das Heilmittelwerbegesetz verstoßen können, gibt es bei allen KAM-Anbietern, sie sind jedoch nicht zu verallgemeinern.

Eine <Gefährdung durch das unkontrollierte Feld des Heilpraktikerwesens.> kann demnach nicht so allgemein behauptet werden.

<... ähnlich abstrus mutet es an, dass innerhalb der staatlich regulierten Medizin Sonderregelungen für die Zulassung von Präparaten der Homöopathie, Phytotherapie und Anthroposophischer Medizin bestehen ...>

Hat nichts mit Heilpraktikern zu tun.

<... sollten die besagten Sonderregelungen entfallen, die sich nicht zuletzt dem erfolgreichen Wirken einflussreicher Interessengruppen verdanken ...>

Solche Interessengruppen gibt es in vielen Gebieten. Das Memorandum hier wurde von einer solchen erstellt.

<Wenn KAM innerhalb der wissenschaftsorientierten Medizin angeboten wird, entstehen ebenfalls Probleme. So können auch Ärzte, die von der Wirksamkeit bestimmter alternativmedizinischerVerfahren überzeugt sind, ihren Patienten schaden, wenn sie solche anstelle sinnvoller Maßnahmen der wissenschaftsorientierten Medizin anwenden und ihnen somit ein evidentermaßen überlegenes Vorgehen vorenthalten.>

Ja, das trifft in Einzelfällen sicher zu. Kein Argument gegen den Heilpraktikerberuf.

<Ein der Patientenversorgung verpflichtetes Gesundheitssystem muss von unbelegten und überzogenen Heilsversprechen gänzlich freigehalten werden.>

Das trifft voll zu und soll durch das für alle Anbieter geltende Heilmittelwerbegesetz mit Strafandrohung verhindert werden. Doch es gibt immer Menschen, die sich nicht an Gesetze halten.

<... scheinbar „gute Erfahrungen“nicht vorschnell als Nutzenbelege misszuverstehen....>

Ja, das ist eine Gefahr immer in der KAM und Heilkunde überhaupt (Problem Anwendungsstudien in der Schulmedizin).

<Patienten suchen Heilpraktiker maßgeblich deshalb auf, weil sie das, was Heilpraktiker anbieten, von der wissenschaftsorientierten Medizin nicht zu erhalten glauben oder auch wirklich nicht erhalten können. Muss man Patienten dann davor schützen, ihre Gesundheit zu gefährden?>

Das trifft nicht nur für Heilpraktiker sondern für alle Anbieter von KAM von der Grundidee her zu. Und die Frage hat der Gesetzgeber längst beantwortet, auch durch die Einführung des Heilpraktikerberufes: Ja, es soll die Wahlfreiheit der Patienten betreffend Heilmethoden und Heilbehandler geschaffen und erhalten werden.

<Andererseits kann es ethisch nicht hingenommen werden, wenn Patienten die mitunter weitreichende Entscheidung, exklusiv auf AM zu setzen, vor allem in Ermangelung umfassender und wahrhaftiger Aufklärungsangebote treffen ...
Schwierigkeiten, wie man sie auch aus anderen Bereichen der medizinischen Aufklärung und Beratung kennt, scheinen nun aber bei KAM besonders ausgeprägt. Erstens: Wenn Ärzte und Heilpraktiker ihre Patienten, wie geboten, über die fehlende wissenschaftliche Absicherung und fehlende professionelle Akzeptanz von KAM aufklären, senken sie absehbar die Nachfrage nach den eigenen Behandlungsangeboten. Dies steht jedoch ihren ökonomischen Interessen entgegen und zum Teil auch ihrer Haltung zum methodischen Vorgehen der wissenschaftsorientierten Medizin. Ähnlich problematische Interessenkonflikte treten etwa auch bei den sogenannten IGe-Leistungen auf und müssen hier wie dort durch strukturelle Maßnahmen entschärft werden..>

Wieder im Grunde zutreffend und ein grundsätzliche Problem ansprechend (nicht nur scheinbar bei der KAM besonders ausgeprägt): Jede Heilbehandlung ist inzwischen zu einem Wirtschafts- und Gewinnfaktor geworden. Die Gefahr, aus eigenem „Verkaufsinteresse“ unzureichend, nicht objektiv, gar lenkend aufzuklären ist gegeben.



Die Aufklärungspflicht, schon um den Straftatbestand der Körperverletzung abzuwehren, gehört zum Heilpraktikerberuf dazu. Dennoch kann es sein, dass der Wunsch, seine Angebote zu verkaufen da größer ist. Bei Ärzten wie Heilpraktikern. Es wird wohl nicht zu unrecht auch über unnötige Opertationen geklagt. Deswegen der Hinweis auf die ärztlichen Ige – Leistungen als „Zusatzgeschäfte“. 

Doch kein Grund, den Heilpraktikerberuf für Fehler Einzelner haftbar machen zu wollen.

Es bedarf keiner Änderungen betreffend den Regeln für den Heilpraktikerberuf. Insbesondere würden diese niemanden abschrecken dagegen zu verstoßen, der auch bisher Regeleinhaltung für sich als unnötig ansah. Und auch gegen Schäden, die durch Ärzte bewirkt werden, die nicht nur KAM anbieten – war ja auch die Rede davon – hilft so etwas niemals.


Der Sinn und Zweck des Memorandums ist im Grunde nicht im Blick auf Heilpraktiker zu sehen, sonder erscheint vielmehr mit diesen als Vorwand gegen die KAMs gerichtet zu sein. Denen stehen die Interessen der Autoren und Unterzeichner des Memorandums entgegen.

Dieses Memorandum ist, was den Heilpraktikerberuf betrifft, eine „Seifenblase“ ohne praktischen Wert. Es werden uralte Kamellen in den Mund genommen, Vorschläge gemacht die schon früher immer mal wieder kamen und als abwegig verworfen wurden. Man hat keine neuen Probleme entdeckt, die nun ein Einschreiten des Gesetzgerbers verlangen könnten. Viel Lärm um nichts.

Der Gesetzgeber sah und sieht auch künftig keinen Sinn und keine Notwendigkeit, wegen Fehler und Gesetzesübertretungen Einzelner – weder durch Ärzten noch durch Heilpraktikern in der Ausübung der KAMs – den Heilpraktikerberuf abzuschaffen oder die KAMs zu verbieten.

Allenfalls könnten einige Heilpraktiker, die sich im Selbstwert verletzt fühlen, unnötig protestieren.

Kommentare:

  1. Inzwischen geht die Diskussion wieder zur Vernunft zurück: "Nach Ansicht Henkes gibt es keinen Bedarf, den Heilpraktiker zu einem Ausbildungsberuf zu machen. Gleiches gelte für die Akademisierung. "Wenn eine ärztliche Ausbildung zugrunde gelegt werden soll, dann kann man auch gleich Arzt werden." Die Schaffung eines Berufes mit einer abgespeckten ärztlichen Ausbildung mit der Hälfte oder einem Drittel des medizinischen Wissens mache keinen Sinn."

    https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/recht/article/941622/nrw-aufsicht-heilpraktiker-politikum.html

    " "Insbesondere müssen die Inhalte und Gegenstände der Kenntnisprüfung, die vor Erteilung einer Erlaubnis zur Heilpraktikertätigkeit stattfindet, überarbeitet und gegebenenfalls ausgeweitet werden." Das sei auch einhellige Meinung der Gesundheitsministerkonferenz."

    Also weiterhin keine Ausbildungsordnung oder andere Ausbildungsvorgaben. Statt dessen Änderung der ÜBERPÜFUNG zur reinen Gefahrenabwehr für die Volksgesundheit hin zu ener KenntnisPRÜFUNG, die deutlich mehr abfragen darf, als nur Grundlagenwissen?

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  2. Was sagt das Bundesverfassungsgericht dazu, welche Rolle der Heilpraktiker hat bzw. was Patienten erwarten könnten? Und was zu den notwendigen ("gewisse") Kenntnissen?
    BVerfG, 1 BvR 784/03 vom 2.3.2004 Abs 13
    („Geistheilerurteil“)
    „Arzt und Heilpraktiker stehen einander im Behandlungsansatz viel näher als die Heiler. Wer einen Heilpraktiker aufsucht, wird den Arzt eher für entbehrlich halten, weil ein Teil der ärztlichen Funktion vom Heilpraktiker übernommen werden darf. Deshalb wird bei den Heilpraktikern das Vorliegen gewisser medizinischer Kenntnisse geprüft und für die Erteilung der Erlaubnis vorausgesetzt. Die Heilpraktikererlaubnis bestärkt den Patienten in gewisser Hinsicht in der Erwartung, sich in die Hände eines nach heilkundlichen Maßstäben Geprüften zu begeben.“

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  3. Wa wollen die politischen Parteien: https://plus.google.com/u/0/110368903380729948082/posts/CPLv47ymA5Z

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