Mittwoch, 4. Oktober 2017

Der Heilpraktikerberuf – die Heilpraktikerschwemme – das Dilemma mit der Ausbildung

Der Heilpraktikerberuf – die Heilpraktikerschwemme – das Dilemma mit der Ausbildung


Ein „alter“ Heilpraktiker, der seit den 1980er Jahren dabei ist, erinnert sich und trägt seine Sicht vor:

Es gab schon immer die „Heilkundigen aus dem Volke“, die ohne akademische Ausbildung, ohne Abitur, oft aus einfachen Schichten stammen, nicht selten in gewisser Weise Außenseiter waren, und eine einfache Art der Heilkunde mit relativ einfachen Mitteln, teils auch „magisch“ rituell begründet, betrieben. Daneben gab es den Stand der „Ärzte“. Ein Vertreterin der „einfachen“ Heilkunde ist die Nonne, später Äbtissin, Hildegard von Bingen. Es gehören dazu der Furhmann Priestnitz (mit seinen Wickeln), Pfarrer Kneipp, Lehmpastor Felke.

Im deutschen Reich ab ca. 1860 durften solche Nichtärzte ihre Heilkunde als Gewerbe anbieten, die Gewerbeanmeldung reichte. Man hatte damals, besonders als prominenter Heilkundler wie Felke und Kneipp, immer wieder „Helfer“ die sozusagen in Ausbildung waren und dann mit dem Wissen selbst tätig wurden. Die wiederum hatten eigene „Auszubildende“, die dann auch das Wissen weiter anwendeten. Sicher hatte man durch diese „Ausbildungstätigkeit“ Vorteile, auch geldlich.

Es gründeten sich Vereine, die als Ziel hatten, die jeweiligen Heilweisen auch unter Laien weit zu verbreiten. Es gab Naturheilbünde verschiedener Art. Heute gibt es z.B. noch immer die Kneippvereine in vielen Städten.

Beargwöhnt, auch manchmal beneidet wurden solche Personen häufig durch Ärzte. Scharlatanerie wurde ihnen vorgeworfen, Anzeigen wegen Kurpfuscherei erstattet. Auch Kneipp und Felke waren dem ausgesetzt und hatten sich erfolgreich, auch mit aufzeigen ihres Wissens und Könnens, dagegen wehren können. Kneipp musste sich mit „Dienstaufsichtsbeschwerden“ bei seinem Dienstherren, der katholische Kirche abgeben, der Pastor Felke legte (nicht nur deswegen) sein evangelisches Pfarreramt nieder.

Schon das Parlament im letzten Kaiserreich beschäftigte sich damit, wie diesen Menschen, die neben der ärztlichen Medizin tätig waren, das Gewerbe zu verbieten sein könnte. Ohne wirkliche Idee. Auch ohne Grundgesetz sah man keinen Sinn im Gewerbeverbot. Auch, weil man das Abwandern in die Illegalität erwartete. Denn man kann dem Menschen nicht verbieten, sich da und damit Hilfe zu suchen, von dem er sich etwas verspricht oder erhofft.

In der Weimarer Republik waren weitere Vorstöße vergeblich und endeten am selben Punkt: Solange noch ein offenes Gewerbe ausgeübt wird, ist eine gewisse Kontrolle noch möglich.

Die politischen Verhältnisse nach 1933 mit dem Überwachungs- und Repressionssystem Diktatur ähnlicher Art, schufen eine neue Basis. Nachdem man nach und nach die tätigen Heilkundler nichtärztlicher Art und auch die Vereine in den von der NSDAP in München gegründeten „Reichsheilpraktikerbund“ drängen und so kontrollieren konnte, war die Vorbereitung für den Erlass eines Heilpraktikergesetzes Februar1939 erledigt.

Kernpunkt: Die Ausübung der Heilkunde ohne ärztliche „Bestallung“ wurde unter Erlaubniszwang gestellt und die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ verbindliche eingeführt. Jeder, der bereits tätig war und es bleiben wollte musste diese Erlaubnis beantragen. Zunächst bis zum April 1939, also in kurzer Frist. Diese wurde mehrfach verlängert. Vor allem war die persönliche „Eignung“ zu prüfen, Staatsbürgerschaft, strafrechtliches und politisches Verhalten. Erst 1941 wurde die Überprüfung der Kenntnisse und Fertigkeiten für die Personen, die dann noch die Erlaubnis beantragten eingeführt. Das war, als im Osten und Westen neue Gebiete dem Reichsgebiet angeschlossen wurden. Dar Neuzugang war so erheblich erschwert (Überprüfung in der Hand von lokalen Amtsärzten war recht „subjektiv und willküranfällig“). Dazu war es möglich, bereits tätige (unerwünschte Personen) Heilpraktiker mit dem Verdacht, es würden Kenntnismängel bestehen, dieser Überprüfung nachträglich zu unterziehen und diesen dann „loszuwerden“.

Anträge durften auch Personen innerhalb der Frist stellen, die eine Ausbildung bei einer Schule des Reichsheilpraktikerbundes (keine andere Ausbildung) besuchten. Besitzstandswahrung war auch damals gesetzgeberische Pflicht.

Nach Fristablauf, zuletzt im Jahre 1941, war keine Erlaubniserteilung mehr möglich. Der neu geschaffene Beruf hatte so keine Zukunft mehr, wenn die dann Tätigen „ausgestorben“ sein werden.

Dennoch hatte das Gesetz und seine Ausführungsverordnung dazu (damals die 1.) Ausnahmen vorgesehen, für Menschen, die nachzuweisende Heilbegabung hatten und nicht ein Medizinstudium machen konnten. Praktische Ausbildung mit „Erfolgsnachweisen“ in Kliniken über eine Mindestzeit war Voraussetzung. Die Personen (es gab wohl nie eine solche) hatten dann als Naturheilkundeärzte zu firmieren und der Ärztekammer beizutreten.

Nach dem Kriege gar es wenige noch tätige Heilpraktiker und es kamen zunächst keine neuen mehr hinzu. Das Grundgesetz mit seiner Berufsfreiheit brachte die Regelungen, über die dann 1956 im Klageweg wieder der Berufszugang erstritten wurde.

Es waren nur wenige, die den Weg in den weitgehend unbekannten Beruf suchten und die damals recht einfache Hürde der Überprüfung (es waren vor allem mehr oder minder Willkürgründe in völlig ungeregelten örtlich verschieden gehandhabten Verfahren, die hinderten) genommen haben.

In vielen (Verwaltungs-)Gerichtsverfahren wurde und wird bis heute daran gearbeitet, was denn in welcher Weise an notwendigem Wissen und Fähigkeiten in den Überprüfungen als zur Gefahrenabwehr nötig abgefragt werden darf. Es bildete sich so über Jahre ein gewissen Standard an abzufragendem Wissen. Da die Länder für ihren Bereich zuständig sind und dort die jeweiligen Amtsärzte in den lokalen Gesundheitsämtern die Entscheidenden waren, war bisher eine bundesweite Standardisierung nicht zu erreichen. Ende 2016 hat der Bundesgesetzgeber (Heilpraktikergesetz ist Bundesgesetz, ausführende die Länder nach eigenen Regeln) den Ländern vorgegeben Leitlinien für die Überprüfung zu erarbeiten, die bis zum Jahresende 2017 vorzuliegen haben. An denen können sich die Länder orientieren – müssen aber nicht. In den 90er des letzten Jahrhunderts haben einige (südliche) Bundesländer gute Vorarbeit geleistet, indem sie sich auf ähnliche Verfahren und einen Fragenkatalog einigten, der freiwillig genutzt wird.

In den 70ern des letzten Jahrhundert wurde der Heilpraktikerberuf durch regelrechte Kampagnen in den Boulevardblättern bekannt und interessant. Ein ehemaliger leitender Bertelsmann (Verlag mit vielen buten „Blättern“) Manager hatte die Heilpraktikererlaubnis erhalten und war nach Ausscheiden bei Bertelsmann tätig geworden: Dr. jur. Manfred Köhnlechner.

Dazu



Die Berichte in verschiedenen Medien über seine „Erfolge“ und viele Prominenten, die durch ihn angeblich geheilt wurden, machten die „alternative Medizin“ und den Heilpraktikerberuf breit bekannt.

Es entwickelte sich bald ein neuer Markt: Ausbildungen zum schönen, erfolgreichen Beruf des Heilpraktikers, schnell und nebenher.

Es gab noch immer vereinzelt mal Menschen, die bei einem der wenigen Heilpraktiker praktisch Wissen erwarben. Es gab Heilpraktikerschulen, vor allem des großen Heilpraktikervereins „Deutsche Heilpraktikerschaft e.V.“ als Nachfolger der 1939 aus dem Reichsheilpraktikerbund umbenannten „Deutschen Heilpraktikerschaft e.V.) als öffentlich-rechtlich.befugtem Zwangsmitgliedschaftsverein für alle damals tätigen Heilpraktiker. Er hatte zwar 1945 durch das sogenannte „Überleitungsgesetz“ der Alliierten als nationalsozialistische Gründung und Mitläufer alle öffentlich-rechtlichen Befugnisse (die in der alten Durchführungsverordnung festgehalten waren) verloren, trat aber immer noch quasi als „Alleinherrscher“ auf. Die Ausbildungen waren ganztägig, dauerten 3 Jahre und waren mit großem Qualitätsanspruch versehen. Damit im Grunde eine hohe Hürde für Menschen, die in dem Beruf wollten (und nicht ohne Vorbereitung die Überprüfung angehen wollten). Der Verein musste sich wegen Wettbewerbsklagen anderer Vereine umbenennen. Heute ist es der Fachverband Deutscher Heilpraktiker FdH e.V. und er betreibt noch immer seine anspruchsvollen „Vollzeitausbildungen“ in verschiedenen Bundesländern.

Im Zuge der „Popularitätsoffensive“ Dr. Köhnlechners wurden nun daneben weitere Ausbilder aktiv, die mit weit kürzeren Ausbildungen, geringerem Umfang der Ausbildung und in viel kürzerer Zeit nebenberuflich (einmal Unterricht die Woche) auf die Überprüfung vorbereiten wollten.

Die wohl damals wichtigste war das „Münchner Heilpraktikerkolleg GmbH, (Sitz München) mit einer wachsenden Zahl an Filialen über das Bundesgebiet. Mit Anzeigen im SPIEGEL wurde bundesweit um Schüler geworben. Die Firma musste sich aus Wettbewerbsgründen umbenennen, heute als Deutsche Paracelsusschulen bekannt.

Damals um 1980 gab es heftige Diskussionen über solche „Schnell- und Kurzausbilder“, die in größeren Mengen (es waren nicht wirklich viele im Vergleich zu heute) neue Berufszugänger auf den Markt brachten. 1980 waren es ca. 7.000 Heilpraktikerpraxen im gesamten Bundesgebiet, 2000 rund 13.000. Die Zahl ist längst nicht mit der Zahl der Heilpraktiker- Erlaubnisinhaber gewachsen, weil viele erst gar nicht den Praxisstart wagten oder gleich wieder aufgaben. Doch hatten diese den Gewinn der Ausbilder – es gab immer mehr auf dem Markt – gesichert.

Etwa 1980 war die Diskussion unter den wenigen (unter 5) Heilpraktikervereinen groß, wie mit diesem Phänomen, der „massenweise“ schnell ausgebildeten Konkurrenten umzugehen sei. Schnell war das als Hauptargument ausgemacht, was in den Diskussionen bis heute immer wieder dem Beruf vorgeworfen wird: eine mangelhafte Ausbildung und damit fehlendes Berufswissen der „Nebenherschnellausgebildeten“.

Hauptgegner damals das Münchner Heilpraktikerkolleg, bald Paracelsusschulen. Irgendwann wurde aus dieser heraus der erste eigene Heilpraktikerverband gegründet. Heute sind mindestens 4 Vereine mit dieser Schulkette über ihren geschäftsführenden Vorsitzenden (neben einem „Repräsentationsvorsitzenden“) verknüpft. Sollen doch die anderen Vereine motzen und meckern, man bestimmt sich quasi selbst und legt „Normen“ fest.

Dem Beispiel folgten dann bis heute immer mal wieder andere Schulen mit eigenen Vereinen oder Vereine die eigene Schulen gründeten und als „Verbandsschulen“ Seriosität zeigten.

Jedermann kann eine Heilpraktikerschule gründen. Etliche Heilpraktiker bieten nebenher, zu Praxis, Prüfungsvorbereitungen zur Überprüfung an, bzw. haben eine eigene kleine Schule. Es ist leichter verdientes Geld, eine Ausbildung anzubieten als dann später in Konkurrenz zu anderen seine Praxis überhaupt zum Laufen zu bringen und zu erhalten. Das ist nichts Böses und Ehrenrühriges in einer auf Geschäfte und Verdienen ausgerichteten Gesellschaft. Gerade auch im Gesundheitsmarkt mit seinen verschiedenen Bereichen.

Es gibt keine Vorschriften, wie eine Heilpraktikerausbildungsstätte eingerichtet sein muss, was an Personal mit welcher Qualifikation vorhanden sein muss, nicht mal dazu was im Einzelnen die Lehrinhalte sein müssen. Die Dauer der Ausbildung, die Stundenzahl usw. ist nicht festgelegt. Von wenigen Wochenenden über einige Monate bis zu 3 Jahren Vollzeitausbildung reicht die Spanne. Entsprechend sind dann die Kosten und der Zeitaufwand, um in „einen Beruf mit hohem sozialen Ansehen, großen Erfolgschancen“ und wie es noch so heißt, kommen zu können. „Heute die Überprüfung geschafft und die Erlaubnis erhalten, morgen bereits im Traumberuf erfolgreich tätig“.

Wie geschrieben, dass ist ein mögliches „Geschäftsmodell“ für Ausbildungsangebote.

Heute wird von bis zu 40.000 Heilpraktiker ausgegangen. Wieviele davon tatsächlich funktionierende Praxen haben, nicht nur stundenweise „nebenher“ tätig sind oder gar nicht, ist wohl nicht erfasst und kaum erfassbar. Heilpraktiker sind freie „Einzelunternehmer“ ohne Kammer oder Pflichtmitgliedschaften in irgend welchen Vereinen. Niemand ist vom Gesetzgeber beauftragt und befugt, für Heilpraktiker verbindliche geltende Regeln zu erlassen oder diese verbindlich zu vertreten. Die inzwischen wohl weit über 20 Berufsvereine haben nur für ihre Mitglieder freiwillige Regeln, wobei darauf geachtet werden muss, dass nicht nach kartellrechtlich relevanten Absprachen aussieht.

Doch ist es nicht die Regel, dass einfach mit der Erlaubnis in der Hand eine Heilpraktikerpraxis eröffnet wird. Schon die allgemeine Sorgfaltspflicht und strafrechtliche Bestimmungen sorgen dafür, dass sich im Regelfalle (Ausnahmen gibt es überall) derjenige, der tätig werden will, zuvor in dem Bereich, den Methoden und Verfahren, die er anwenden will, in eigener Verantwortung das nötige Wissen zulegt. Problem ist da sicher wieder, dass die Ausbildungsstätten keinen verbindlichen Regeln entsprechen müssen, und wieder ein „gutes Geschäft“ sein können.

Für viele bedeutet selbstkritisches Reflektieren der eigenen Fähigkeiten schon – trotz der Aufwendungen für die Ausbildung -, dass doch Abstand vom Heilpraktikerberuf genommen wird. Schon, wenn man erkennt, wie wenig überhaupt statistisch zu verdienen sein wird, bei der großen Verantwortung. Vielleicht bietet man ersatzweise Kurse für Laien (und andere Heilpraktiker) an, hält Vorträge oder bereitet andere auf die Überprüfung vor. In eigener Firma oder als freier Mitarbeiter bestehender Schulen, vermittelt den Verkauf von Waren im Gesundheitsbereich u.a.m.

Es bleiben im Grunde (fast) nur die im Heilpraktikerberuf tätigen übrig, die auch verantwortungsvoll Qualität in ihren Bereichen bieten können. Manche machen nur Dinge, die Patienten kaum Schaden bringen können und sind aber aufgrund der in der Überprüfung gezeigten Kenntnisse in der Lage, Patienten rechtzeitig z.B, an den Arzt zu verweisen. Da ist im Grunde die Sicherheit für die Patienten gegeben, dass sie keinen Schaden bekommen, selbst wenn der Nutzen gering oder fehlend ist.

Das will der Gesetzgeber aber nicht abschaffen, verbieten und er kann das auch wohl schon wegen des Grundgesetzes nicht. Auch Ausbildungsbestimmungen und Prüfungen dazu will er nicht festlegen. Dann würde ein staatlicher arztähnlicher Ausbildungsberuf innerhalb des Gesundheitswesens geschaffen (Heilpraktiker gehören bisher nicht dazu). Der wäre überflüssig und hätte kaum die Möglichkeiten, wie bisher Methodenfreiheit in der Heilkunde zu sichern.

Copyrigt K-U.Pagel 10/2017


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