Mittwoch, 1. August 2018

Arzneiversuche an Schwangeren - Babys starben

"Babys sterben nach Arzneiversuchen mit Sildenafil an Schwangeren mit Plazentainsuffizienz/ Präeklampsie

Studie abgebrochen."

So der Tenor in den Schlagzeilen (Beispiele):



Das hat mich mal zum Nachfrage, Nachlesen, und Nachdenken angeregt. Hier meine Gedanken und Ideen dazu, nicht als Pharmaindistrieschelte oder Schulmedizinkritik sondern aus Sicht eines Heilberuflers (Heilpraktiker) mit Blick auf die für die Studie verantwortlichen Heilberufler (Ärzte):

Was nicht klar herauskommt, ist, dass nicht allein in den Niederlanden diese Studie gemacht wurde. Dort war nur eine Stelle eines Studienverbundes aus 5 Ländern. Eine sogenannte STRIDER Studiengruppe wirkt hier zusammen. STRIDER = Sildenafil Therapy In Dismal prognosis Early-onset intrauterine growth Restriction. Kliniken/Universitäten in den Ländern wirken mit/Land /Probandenzahl geplant/ Untersuchungsziel:

UK/Ireland: 112; Verlängerung der „Tragzeit“ bis zur Geburt.
The Netherlands: 354; Lebendgeburten ohne ernsthafte „Schäden“
New Zealand/Australia: 122; Wachstumssteigerung beim Föten
Canada: 90; Wachstumssteigerung beim Föten.

Es ging um Schwangere, deren Plazenta (wegen Durchblutungsstörungen) nicht das Wachstum des Kindes sicherstellen konnte und es zu schweren Wachstumsverzögerungen kommt, auch mit der Gefahr von Fruchtabgang oder Frühgeburt. Viele der Schwangeren zeigten hohen Blutdruck, Präeklampsie.

Die Theorie war, dass mittels diesem Sildenafil, welches zur Förderung der Erektion bei Männern zum Einsatz kommt (geschützter Handelsname Viagra) auch neben einer Blutdrucksenkung eine bessere Durchblutung der Plazenta zu erreichen sein könnte, mit Förderung des Wachstums des Föten.

Selbstverständlich muss ein Wissenschaftler vor einem solchen Versuch an Schwangeren und vor allem dem sich entwickelnden Kind aufgrund wissenschaftlich valider Erkenntnisse eine hohe Wahrscheinlichkeit sehen, dass das erreicht werden kann und dass dabei das Risiko für Mutter und Kind erträglich gering ist. Ansonsten wäre schon aus ethischen Gründen eine solche Studie nicht zulässig, nicht genehmigungsfähig (dort, wo eine Genehmigung erteilt werden muss).

Anhand der Anmeldedaten aus Australien ist zu entnehmen, dass bereits im Jahre 2012 diese „Gruppenstudie“ geplant war, denn sie wurde damals angemeldet. Die Niederländer zogen 2013 nach.

2014 erschien von diesen eine Art Vorbericht zur geplanten Studie:


Darin wurde angedeutet, dass die bisherige Studienlage bis dahin hinreichend Grund und Berechtigung geben würde zu dieser Studie an Schwangeren und ihren ungeborenen Kindern. Nach meinem Eindruck ist diese Gruppe Menschen (Föten, dann Neugeorene) vielleicht nicht hinreichend im Blick gewesen. In deren empfindlichen, wachsenden Organismen wird das Sildenafil zwangsläufig auch Wirkungen zeigen können, die vielleicht erst nach einigen Jahren erkennbar werden könnten.

Noch 2017 hat die Firma Pfizer, die das Sildenafil als Viagra auf den Markt gebracht hat, im Beipackzettel den Einsatz bei Frauen nicht zugelassen und natürlich dann auch nicht an Schwangeren: „Für die Behandlung von Frauen ist VIAGRA nicht indiziert. Es liegen keine geeigneten und gut kontrollierten Studien mit schwangeren oder stillenden Frauen vor.“


Wenn 2017 Pfizer noch immer keine geeigneten und gut kontrollierten Studien mit Schwangeren kennt, woher wollen denn die Wissenschaftler 2012 solche Kenntnisse haben? Wenn man sich die Literaturliste ansieht, die dem Vorbericht der Niederländer anhing, worauf der wohl basierte, findet man gerade mal eine Studie an 35 Frauen mit Plazentainsuffizienz (Sponsor Pfizer, 3 Mitarbeiter von Pfizer, lief von 2005 bis 2007) von 2009.


17 Schwangere mit Päeklampsie bekamen Sildenafil Ein besseres Wachstum des Föten oder Verlängerung der Schwangerschaftsdauer wurde nicht festgestellt, aber auch keine negativen Folgen bei der Mutter oder beim Föten. Aussagen über Zustände nach der Geburt fehlen. War auch nicht Studienziel. Die Studie sollte mehr Teilnehmerinnen erfassen, wurde dann vorzeitig beendet, vieleicht weil sich kein erwarteter Nutzen absehen ließ und weiter Risiken vermieden werden sollten? Daraus kann man keinesfalls irgendwelche positiven Ergebnisse der STRIDER Studie ableiten noch tatsächlich auf fehlende Gefahren für Mutter und Kind schließen, auch wenn geschrieben wurde, dass es gut vertragen wurde und keine Folgen bei Mutter und Kund festgestellt wurden.

Neben Studien und Arbeiten zu mehr oder minder formalen Regeln für Studien, allgemeinen und speziellen Ausführungen zu Risiken von Plazentainsuffizienz, Frühgeborenen und den Folgen finden sich Studien an speziell gezüchteten Ratten, Versuchen an entnommenen Plazentagefäßen nichts, was wirklich Risiken und Nutzen für Mütter und Kinder abschätzen lässt. Zumindest würde mir davon nichts genügen.

Aus meiner Sicht stand nicht nur die Theorie der Wirkung am Menschen sondern auch jede Risikoabschätzung auf sehr wackeligen Beinen. Aber egal? Die Studie wurde an 2013 in den verschiedenen Ländern gestartet. Bedenkenträger, wie mich, gab es wohl nicht.

Man muss davon ausgehen, dass die STRIDER Teilnehmer sich austauschten über Verlauf und Besonderheiten. Die Englische Wissenschaftlergruppe war 2016 mit den Versuchen fertig und publiziert im Lancet 2018 Ergebnisse.

https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S2352-4642%2817%2930173-6

"Findings
Between Nov 21, 2014, and July 6, 2016 ...
Livebirths (relative risk [RR] 1·06, 95% CI 0·84 to 1·33; p=0·62), fetal deaths (0·89, 0·54 to 1·45; p=0·64), neonatal deaths (1·33, 0·54 to 3·28; p=0·53), and birthweight (–14 g,–100 to 126; p=0·81) did not differ between groups.
Interpretation
Sildenafil did not prolong pregnancy or improve pregnancy outcomes in severe early-onset fetal growth restriction and therefore it should not be prescribed for this indication outside of research studies with explicit participants’ consent"

135 Frauen haben teilgenommen, davon haben 70 Sildenfil bekommen. Nichts gebracht betreffend der untersuchten Wirkung, aber zumindest keine auf Sildenafil zurückgeführte „Schädigung“. 8 schwere unerwünschte Wirkungen insgesamt, davon nur 2 bei der Sildenafilgruppe. Es wird von keiner schweren Lungenkomplikation geschrieben. Etwa gleichviele Todesfälle als Feten und als Neugeborene.

Vielleicht war den Niederländern schon im Vorab etwas vom Englischen Ergebnis bekannt?

2017 wurde von der gleichen Einrichtung (Niederlande), die diese Studie betrieb eine Studie als Metananalyse gemacht, die herausarbeiten sollte, welche Studienergebnisse in der Literatur zum Studienkomplex zu finden sind. Wieso erst 2017, man hat die Studie doch schon längst begonnen und 2014 hervorgehoben, auf welchen Ideeen/ Erkenntnissen diese fußen soll?


Neben erneut Ausführungen zu den Folgen einer Placentainsuffizienz, der bereits 2014 (oben genannten) publizierten Vorbeschriebung der laufenden Studien, Tier- (auch Schaf u.a.) und Gewebeversuchen nun eine 2. Studie an Schwangeren (Brasilien) von 2016. Hatte die Studie von 2009 nichts zu gefundenen Wachstumsverbesserungen sagen können, was die Studienannahmen von 2012 stützte, meinte diese Studie von 2016 so etwas (in geringem Umfang?) gefunden zu haben. „Therapy with sildenafil citrate was associated with pregnancy prolongation of approximately 4 days compared with placebo in women with preeclampsia“


Über mögliche Schäden beim später geborenen Kind nichts?

Schlussfolgerung der Metaanalyse der Kollegen der niederländischen STRIDER Forscher: „"This meta-analysis supports that sildenafil improves fetal growth and maternal blood pressure regulation during pregnancy and might help guide the design of (pre) clinical studies."

Also: Diese erst 2017 gemachte Metanalyse könnte helfen eine (vor-) klinische Studie zu entwerfen. Die lief aber schon längst bei den Kollegen im Hause. Eine späte Rechtfertigung? Indem man Studien, die ich für wenig aussagefähig halte, um darauf eine Studie mit Schwangeren und dern ungeborenen Kindern zu machen, heranzieht, die erst nach Studienbeginn veröffentlicht wurden, kann man nachträglich keine Rechtfertigung schaffen. So meine ich. Und wo wurde diese Metanalyse publiziert? Dort, wo auch der "Vorbericht" zur Studie 2014 stand?Man schaue mal nach, wie die AHAJOURNALS einzustufen sind.

Ende 2017 erschien eine Art Aufguss des Vorberichts zur Studie von 2014. Korrespondenzautor in den Niederlanden, im bekannten Institut. Nur erscheint jetzt der Hauptautor von damals weiter hinten. Im Grunde nur Bla-Bla über die Studie weil im Grunde nichts neuem gegenüber 2014 gesagt wird. Dieser Text hätte nicht geschrieben werden müssen! Nichts steht drin über den Verlauf bisher und sich abzeichnende Ergebnisse. Und gar nichts über irgendwelche Todesfälle in den Niederlanden bei der Sildenafilgruppe. So, als ob nicht wäre. Einzig neu: 2017 wurde die Studie erweitert. Es sollte nun ein weiteres Ziel sein, nachzuschauen, welchen Gesundheitszustand die geborenen Baby der Stdie im alter von 2 - 3 Jahren haben. Warum das? Nicht weil es erkannte Schäden zu verfolgen gilt. Nein, weil die Finanzierung dieser Studienerweiterung nun gesichert war. Aber: Alle Teilnehmerinnen bis dahin wussten doch davon nichts und ob die dann nochmal teilnehmen wollen? Es muss mit einem die Aussagekraft beeinflussenden Schwund an Probanden gerechnet werden.

Nun muss – scheinbar ganz plötzlich und überraschend im dem Verantwortungsbereich der Niederländischen STRIDER Gruppe das große Neugeborenensterben eingesetzt haben. Während in England nur wenige Tote Neugeborene zu beklagen waren, in der Sildenafilgruppe weit weniger, als in der Placebogruppe, gab es in den Niederlanden 19 Todesfälle von etwas über 90 Sildenafilanwendungen und 9 bei 90 Placeboprobandinnen. Wie kommt das?

Was ist da anders gelaufen als in England?

Datiert 23.7.2018 die Meldung über den Stopp der Studie aus dem federführenden Academisch Medisch Centrum:


Ich denke, man kann verstehen, was da auf Niederländisch steht: „Sildenafilgroep: 93 vrouwen deden mee, 19 baby’s zijn overleden, van wie 11 door een mogelijk gerelateerde longaandoening, een vorm van te hoge bloeddruk in de longen. 6 baby’s hadden ook deze longaandoening, maar zijn niet overleden.
  • Placebogroep: 90 vrouwen deden mee, 9 baby’s zijn overleden. Geen één door de longaandoening. 3 baby’s hadden wel de longaandoening, maar zijn er niet aan overleden.“
Ein Katastrophe; die sicher nicht über Nacht kam!



Bemerkenswert der letzte Satz der Mitteilung: „Pfizer Viagra en Pfizer Sildenafil zijn niet gebruikt als medicatie in deze studie.“



Wo haben die Niederländer dann ihr Sildenafil her? Wenn in England keine auffällige Totesrate bei diesen Patientinnen, bzw. deren Neugeborenen, zu verzeichnen ist, hier so viele gerade bei Sildenafil und dann gleich 11 Fälle von Lungenerkrankung, die es bei der Placebogruppe so nicht gab! Gerade bei Lungenarterienhochdruck, um den es sich gehandelt haben sollte, ist Sidenafil inzwischen zu Therapie zugelassen.



Woher kam das Sildenafil, wenn nicht von Pfizer? In der Anmeldung der niederländischen Studie https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02277132 ist ausdrücklich als Medikament benannt: „Drug: Sildenafil
Sildenafil 25 mg three times daily orally from randomization until delivery
Other Name: Viagra“

Da steht doch Viagra, ein geschützter Name. Sollte da eine unrichtige Anmeldung gemacht worden sein? Selbstverständlich muss nachvollziehbar sein, woher die geprüfte Arznei stammt. Wir hören immer wieder davon, dass gerade Viagra, das Sildenafil gefälscht, gepanscht, unsauber produziert auf dem „grauen Markt“ angeboten wird.


Bedeuten die auffälligen Todesfälle in den Niederlanden vielleicht, dass da mit dem Sildenafil etwas nicht stimmte? Vielleicht deswegen die ausdrückliche Distanzierung von Pfizerprodukten?

Da tun sich für mich viele Fragen auf, die vielleicht auch von offizieller Seite gestellt und geklärt werden müssten. Es hat mehrere Todesfälle gegeben, die vielleicht so gar nicht hätten sein müssen. Für die es Verantwortliche geben könnte.

Wie sieht es in den anderen teilnehmenden STRIDER Gruppen aus? Gibt es Todesfälle, vielleicht ähnlicher Art, in Australien? In Kanada? Ist das ein niederländisches Phänomen?



Ich erinnere mich noch gut an die Aufregung, die auch in der Presse entstanden ist, als ein Heilpraktiker an Krebspatienten nicht zugelassene Arzneisubstanzen einsetzte und man deswegen bedingte Todesfälle vermutete.Da ließ die Aufklärungsmaschinerie der Justiz an und ich glaube, dass inzwischen auch ein Verfahren eingeleitet wurde.


Ein Nachtrag: Inzwischen ist Sildenafil bei Lungenhochdruck (an so etwas sollen die Babys, deren schwangere Mütter Sildenafil bekommen haben, um vielleicht die Entwicklung des Babys im Mutterleib zu fördern, gestorben sein) als Arznei zugelassen. Nach meinem Erinnerungstand habe ich gelesen, dass das auch bei Schwangeren gegeben wurde. Nicht dazu, das Wachstum des Kindes (Föten) bei Plazentainsuffiziens zu steigern, sondern schlicht, um das Leben der an Lungenhochdruck erkrankten Schwangeren zu retten, damit auch  das Überleben normal entwickelter Kinder im Mutterleib zu sichern! Eine völlig andere Lage als bei der hier im Gespräch stehenden Studie.

"Eine Schwangerschaft ist bei pulmonaler Hypertonie für Mutter und Kind weit mehr als nur ein Risiko, sie ist lebensgefährlich"  aus: https://www1.actelion.de/documents/de/Fragen-und-Antworten-zu-Lungenhochdruck.pdf

Eine Placentainsuffizienz ist ein typisches Schwangerschaftsrisiko mit unterschiedlichen Folgen: Absterben des Föten im Mutterleib, Totgeburt, Frühgeburt, auch Risiken für Krankheiten durch Fehl- oder Minderentwicklungen beim Kind. Die Studien, um die es hier geht, sollten das Fetale Wachstum untersuchen, eine mögliche Verlängerungung der Tragzeit bis zur (vorzeitigen) Geburt, eine mögliche Erhöhung des Geburt(unter)gewichts, auch am Rande Senkung erhöhten Blutdruckes bei der Schwangeren. Es ging nicht wirklich um das Kind und sein späteres Leben und Überleben.

Dazu:  https://www.eltern.de/plazentainsuffizienz

 http://flexikon.doccheck.com/de/Plazentainsuffizienz


Präeclampsie: https://www.netdoktor.de/krankheiten/bluthochdruck/praeeklampsie/

Das jedoch wäre das eigentliche Ziel eines so riskaten Arzneiversuches gewesen: mögliche Erhöhung
der späteren Lebensqualität (Gesundheit) des minderentwickelten Kindes. Die Gründe für die Plazentainsuffiziens und die Folgen schon eingretener Entwicklungsnachteile des Föten sind damit nicht behoben. Nur ein symptomatischer, funktioneller Eingriff wäre gemacht. Mit all den Risiken bei Sildenafil. Da bei diesem Stoff einen ganze Reihe von auch schweren Nebenwirkungen bekannt sind, wäre zu fragen, wie sich diese beim Föten zeigen. Da ein Kind im Mutterleib nicht sprechen kann, jedoch äußerst empfindlich reagieren kann auf chemische Einwirkungen (es entwickelt sich ja noch) sollte man die möglichen, vielleicht auch erst nach der Geburt in in den Folgejahren, erkennbar werdenden Veränderungen bedenken. Dazu ist nicht bekannt. Eine festgestellte (Schwangerschaftsvorsorge) Placentainsuffizienz, vielleicht ein sich entwickelnde Präeklampsie, führt zu einer Reihe möglicher Maßnahmen. Je nach Zustand des Kindes auch zur eingeleiteten Geburt oder zum Kaiserschnitt (weit) vor dem errechneten Geburtstermin. Die Versorgung von Frühgeborenen ist inzwischen recht gut.

Allenfalls könnte man nach den Theorien, auf denen die Studie basierte, einige Tage "Tragzeit" gewinnen und evtl. eine gering vergrößerte Überlebenschance für das Baby. Bei jedoch all den Risken für das Kind, die zum Zeitpunkt des Studienbeginns gar nicht bekannt waren. Vor allem, viele Gründe für eine Placentainsuffizient werden dadurch nicht beseitigt und diese Therapieidee würde nur bei einer kleinen Zahl der betfroffenen, wenn überhaupt, helfen. Viele Mütter und vor allem Kinder hätten keinen Vorteil. Das hatte schon die kleine Studie von 2009 dargestellt. Warum denn dann so was?

Die Verantwortung für das Geschehen trägt nicht die Pharmindustrie, nicht die Schulmedizin, nicht die Ärzteschaft, nicht irgendein System. Die Veratwortung tragen die beteiligten Wissenschaftler. Davon entbindet auch keine Wissenschafts- und Forschungsfreiheit! So meine Meinung - und wohl nicht nur meine. 

Es mag sein, dass da zwei Welten und Ansichten vom Menschen aufeinandertreffen: Ich weise darauf hin, dass der Menschen KEIN Reagenzglas ist. Einzelne Symptome, auch die verminderte Plazentadurchblutung ist Symptom, nicht grundlegende Ursache, mit unterschiedlichen Ausprägungen und Folgen,  lassen die Krankheit nicht erfassen. Die Einwirkung auf ein Enzym an einer Stelle hat grundsätzlich auch die Einwirkung an anderer Stelle zu Folge, in vielleicht unterschiedlichem Maße, aber Menschen reagieren darauf unterschiedlich. Soloange noch nicht mal klar ist, wie die "Nebenwirkungen" bei den einzelnen Betroffenen entstehen und welche Folgen diese haben, erscheint mir ein pauschales Experimentierem mit "Tunnelblick" auf eine Region und Funktion unangemessen.


Das Ärzteblatt berichtet  https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/96706/Sildenafil-Studienabbruch-nach-toedlichen-Lungenerkrankungen-bei-Neugeborenen-in-den-Niederlanden

Interessant die Leserkommentare dazu.

Nachtrag: Ich habe eine Art "Ausrede" (?) für die/von der niederländische Studiengruppe gefunden:

 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29576470

"Fetal growth restriction is a pathologic condition in which the fetus fails to reach its biologically based growth potential. There is inconsistency in terminology, definition, monitoring, and management, both in clinical practice and in the existing literature. This hampers interpretation and comparison of cohorts and studies. Standardization is essential."

Alsob man nicht schon vor der Studie gewusst hat, dass da ein "systemisches Chaos" herrscht, welches unmöglich macht, irgendwelche Studien und Aussage zum Thema richtig zu interpretieren. Ich kann so etwas nicht nachvollziehen!


Gedanken zusammengefasst 11.08.18: Wo liegen/lagen die Probleme aus meiner Sicht des Menschen, seines Organismus?

Es ist nicht biologisch gedacht, einen bestimmten Vorgang, ein Symptom bei einer komplexen (weil biologisch) Situation/ Anpassung- und Folgereaktionsreaktion, als Ursache der Entwicklungsverzögerung bei Feten zu sehen. Das ist rein mechanistisches Reagenzglasdenken. Es mag zwar sein, dass bei den Schwangeren, die verschiedene Grunderkrankungen haben/hatten. Diese können ihrerseits auf das Wachstum des Föten Einfluss nehmen. Und diese haben, vielleicht über unterschiedliche Wege die Minderdurchströmung der zur Plazenta führenden Arterie ausgelöst, sind deren Ursachen. Die Ursachen der Präeklampsie werden noch immer nur immer verschiedenen vermutet.

Darum einzuwirken, auf Grundkrankheit (auch Erhöhung des Blutdruckes der Schwangeren ist Symptom der Grundkrankheit), ist nicht Ziel des Sildenafil. Einzig die vermutete Wirkung, die entsprechende Arterie weiter zu halten und besser passierbar zu machen, also reine Symptomenbeeinflussung, ist Einsatzziel. Eine eigene Wachstumsfördernde Wirkung auf den Föten wurde für Sildenafil gar nicht postuliert. Wachstumsförderung durch Durchblutungssteigerung war die Idee.


Dazu mag es Tierversuche geben, die das zeigen konnten. Jedoch ist es aus meiner Sicht unsinnig dabei Tiere heranzuziehen, die nicht die gleichen Krankheitsgrundbedingungen haben. Von Natur aus. Es ist immer seht fragwürdig, wenn man diese Durchblutungsminderung und die Wachstumsverzögerung durch künstliche Maßnahmen herbeiführt, die gar nichts mit den Schwangeren Frauen zu tun haben. Da wurden Medikamente /Gifte eingesetzt, um bei Ratten und Mäusen die Plazentadurchblutung zu reduzieren, gar mechanische Einengungen vorgenommen.

„Natürliche“ Präeklampsie“ liegt nicht vor.

Wenn dann auch noch mittels „Fehl-und Minderernährung“ bei den Versuchstieren eine fetale Wachstumsverzögerung bewirkt wird, sind diese Versuche grundsätzlich zu verwerfen.

Noch dazu kommt, dass es fraglich ist, die Plazentafunktion solcher Tiere mit der von Frauen zu vergleichen. Die Ratten und Mäuse haben typischerweise Mehrlingsschwangerschaften! Die Tiere sind mit ihrer Plazentafunktion und Durchblutung darauf eingestellt. Die Schwangeren, an denen man die Studie machte, durften keine solche haben und Menschen haben selten Mehrlingsschwangerschaften. Bei diesen kommt es nicht selten dazu, dass sich eines der Zwillinge schlechter größenmäßig entwickelt, als das andere. Nicht selten haben beide geringeres Gewicht. Bei noch mehr Feten ist das noch ausgeprägter. Mäuse und Ratten sind auf solche Zustände eingestellt.

Vergleichbarkeit von daher schon fragwürdig. Eine hinreichend sichere Prognose über Nutzen und Schaden ist nicht darauf zu bauen. Es bleibt eine risikoreiche Spekulation.

Jedoch hätte eine Studie an Schwangeren Frauen, die 2009 veröffentlicht wurde, die Bedenken fördern können. Sie ist bekannt gewesen. Sie wurde von Pfizer, dem Sildenafilentwickler (Viagra) finnaziert und von mindestens 3 Mitarbeiter, die bei den Autoren genannt sind, „begleitet“. Die Studie wurde vorzeitig beendet, das keine Wachstumsförderung feststellbar war.

Meinen die STRIDER-Forschen nun etwas messen zu können, was zuvor nicht zu messen war? Was nicht da ist, kann auch mit einem anderen Messverfahren nicht gemessen werden. Und soll nun Sildenafil plötzlich anders wirken? Vielleicht, weil man es von einem anderen Hersteller bezieht?

Eine 2016 veröffentliche Studie aus Brasilien verweist auf die längst davor begonnenen STRIDER Studien. Sie meint, eine (geringe?) Wachstumssteigerung gefunden zu haben, an einer kleine Gruppe von Schwangeren. Man kann mit einer spätere gemachten Studie eine früher begonnene nicht nachträglich rechtfertigen. Ebenso wenig wie mit eine lange nach Studienbeginn gemachten und Publizierten Metaanalyse, die spätere Studienergebnisse (vorwiegend an Tieren) mit einbezieht.

Der gleiche brasilianische Autor hatte im gleichen Jahr, 2016, eine andere kleine Studie veröffentlicht, in der er den Effekt von Sildenafil mit dem von Nitroglycerin (per Pflaster verabreicht) verglichen hat. Ergebnis, beide wirkten etwa gleich auf die Wachstumsförderung. Auch die typischen (teils unangenehme empfundenen) Nebenwirkungen ähnelten sich. Warum verfolgt man den Sildenafilweg? Und warum die isolierte Sildenafilstudie des gleichen „Experimentators“?

Auch diese später gemachte Studie (in der Metaanalyse nicht benannt) kann nicht nachträglich die begonnenen Sildenafilstudien rechtfertigen.

So sehe ich das.



Klaus-Uwe Pagel  08/2018

Kommentare:

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  2. In der oben verlinkten Publikation (The Lancet) zur Englischen STRIDER Studie wird als Ergebnis (70 Schwangere mit Sidenafil, 65 Placebo) zusammengefasst: "Implications of all the available evidence
    Contrary to some smaller studies that suggest possible
    improvement in utero-placental perfusion in fetal growth
    restriction pregnancies with sildenafil, our study showed no
    such effect and no indication of efficacy. Therefore, clinicians
    worldwide should stop prescribing sildenafil for this
    indication outside of research studies with explicit
    participants’ consent. Studies should include long-term
    follow-up assessments of surviving children."

    Salopp übersetzt: Entgegen früherer kleinere Studien, die mögliche positive Effekte vermuten ließen ... fanden wir solche nicht. Wie im Text angesprochen gab es aber Studien, die genau dieses negative Ergebnis hatten. Zählten die nicht?

    Jedoch keine Unterschiede in der Zahl der Komplikationen bzw. Todesfälle bei Feten oder Geborenen. In den Niederlanden starb jedes 5. Baby, welches Sidenafil bekam, mehr als doppelt so viele wie in der Placebogruppe. Davon 11 wegen Lungenproblemen. Warum war so etwas in den anderen Studien nicht aufgefallen? Auch nicht in den kleinen, die die Entscheidung zu dieser STRIDER Studie anstießen? Das wäre aufzuklären, auch betreffend den Dokumentationen der anderen Studien.

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